Vom Berg Karmel
Francis Poulencs 1957 uraufgeführte Oper «Dialogues des Carmélites» passt nicht mehr in unsere Zeit – könnte man denken. Was soll der moderne, ideologiekritische Mensch mit dieser wahren Geschichte von Karmeliterinnen anfangen, die in den Nachwehen der Französischen Revolution singend zur Guillotine schritten? So dachte zumindest Benedikt von Peter, als er die Dialogoper vor rund einem Jahr am Basler Theater dermaßen dekonstruierte, dass die Vorlage kaum mehr zu erkennen war. Am Berner Stadttheater geht Regisseur Bernd Mottl einen anderen Weg.
Er nimmt die Oper ernst – mit ihrem dichten Erzählton, ihrem naiven Tonfall und Spannungsbogen. Das lässt die Figuren näherrücken. Zu Beginn ist Blanche ein angstgesteuertes, autistisches Mädchen im kurzen Rock (Kostüme: Dagmar Fabisch), das sich am liebsten einen Kopfhörer aufzieht und sich von der Welt isoliert.
Rachel Harnisch verleiht dieser jungen Frau beeindruckende Präsenz: Blanches Entscheidung für den Orden ist ein Weg zur Selbstfindung. Mit ihrem weich geführten, farbintensiven Sopran ist die Schweizer Sängerin in der Lage, ein genaues Seelenporträt dieser Traumatisierten zu zeichnen.
Auch den anderen Solistinnen gelingen packende ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Es ist inzwischen schon eine kleine Reihe, die der österreichische Residenz-Verlag Nikolaus Harnoncourt gewidmet hat. Jüngster Beitrag: ein Band mit dem Titel «Oper, sinnlich». Vierhundert Jahre Operngeschichte werden mit der jahrzehntelangen Bühnenarbeit Harnoncourts amalgamiert. Schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis nährt den Verdacht, dass es sich teils um...
Es ist gewissermaßen eine Annäherung von zwei Seiten. Franz Schrekers «Der ferne Klang», ein Überraschungserfolg von 1912, der den Komponisten aus dem Nichts an die Spitze der Aufführungsstatistik katapultierte. Und seine letzte vollendete Oper «Der Schmied von Gent», die bei der Uraufführung 1932 «Jude raus»-Rufe provozierte. (Da sollte Franz Schrekers tödlicher...
In Linz ist Platée nicht nur eine hässliche Sumpfnymphe, wie sie Rameau für sein «Ballet bouffon» aus dem Jahr 1745 geschaffen hatte. In der Inszenierung von Anthony Pilavachi stellt sie eine alte, schlabbrige, unförmige Kröte mit hängenden, warzigen Brüsten, fettigem, klebrigem Haar vor: bekleidet mit einer Oma-Strickjacke und mit Schwimmflossen an den Füßen. Sie...
