Voll aufgegangen
Im schweizerischen Bergdorf, wo der Oldenburger «Ring» spielt, ist es Winter geworden. Die Weltesche, in der «Walküre» noch in vollem Laub, im «Siegfried» in milde Herbstfarben getaucht, ist gefällt und liegt als Brennholz für den Scheiterhaufen bereit, auf dem Walhall verglühen wird. So beginnt im Staatstheater die «Götterdämmerung». Zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses ist Wagners Nibelungen-Tetralogie damit komplett über die Bühne gegangen; im kommenden Jahr wird die Produktion in drei zyklischen Aufführungen nochmals zu sehen sein.
Die Konzeption von Paul Esterhazy und seinem Bühnen- und Kostümbildner Mathis Neidhardt hat Aufsehen erregt und viel Zustimmung gefunden. In der Tat ist die Idee, den überdimensionalen Götter- und Heldenmythos in die Enge einer in sich abgeschlossenen dörflichen Gemeinschaft zu transferieren, voll aufgegangen. Die Hierarchien, die Konflikte, die emotionalen Spannungen gleichen sich verblüffend.
Wotan, ehemaliger Großbauer und Wortführer der dörflichen Gemeinschaft, hat endgültig abgewirtschaftet. Als stummer Beobachter durchstreift er, ähnlich wie als «Wanderer» im «Siegfried», die Szene. Seine Rolle in der Dorfhierarchie haben die ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Gerhart Asche
Trotzdem! Trotz aller Katastrophen, Niederlagen, Toten. Die Sehnsucht nach solidarischen, herrschaftsfreien Lebensformen, die individuelles mit dem Wohl aller versöhnen könnten, ist noch nicht aus der Welt. Auch wenn es angesichts der durch den Homo sapiens an den Rand des Kollapses gebrachten Natur, des immer härteren globalen Wettbewerbs um Ressourcen, der...
Viermal lockt die blonde Schöne den Liebe suchenden Tannhäuser in der gleichen Pose. Jedes Mal vergrößert sich bis zum Ende der Ouvertüre ihr Gefolge. Dabei watet man auf der Bühne des Stadttheaters Klagenfurt knöcheltief durchs Wasserbassin. Der französische Regisseur David Bobée sieht nämlich im Venusberg nicht die lodernde Glut wild entflammter Begierde,...
Bibelfeste Erzmänner verweisen gerne auf Paulus und dessen Mahnung an das weibliche Geschlecht (im Ersten Korintherbrief, Kapitel 14, Verse 34 und 35). Verkürzt und in heutigem Macho-Jargon würde diese etwa lauten, die Frau solle die Schnauze halten und tun, was der Mann ihr sagt. Eurydice pfeift darauf. Längst hat sie genug vom Gefiedel ihres Ehegespons, also...
