Vive la femme!
Beim Betreten des Zuschauerraums ist das Saallicht halb eingezogen. Der geöffnete Vorhang zeigt eine menschenleere Bühne, einen quadratischen Raum, begrenzt von drei stumpf-silbernen Wänden, entworfen von Mirek Kaczmarek. Noch bevor das Orchester gestimmt ist, der Dirigent den Graben betreten hat, kommen nacheinander Männer und Frauen in strengen Büroanzügen herein, weiße Hemden und Blusen, dunkelgrau sind Jacken, Hosen, Röcke. Im Block formieren sie sich, schreiten martialisch rückwärts, danach emotionslos zur Rampe, wo sie en face zum Publikum verharren.
Unvermittelt sinkt in der ersten Reihe eine Frau zu Boden. Mit abweisender Miene und kaltem Fingerhinweis verbannt sie die Menge aus der Gemeinschaft. «Liberté, Égalité, Fraternité»? Freiheit als Ideal? Durchaus! Brüderlichkeit als Metapher für die Zukunft der Menschheit? Unbedingt! Gleichheit von Geschlecht und sozialem Rang? Das stellt Ewelina Marciniak, die Regisseurin, hier offensiv in Frage. Die Revolution hat ihre Kinder in die Wirklichkeit entlassen. Und die sieht für alle, besonders die Frauen, rau aus.
Spätestens seit ihrem Operndebüt in Bern, und das gleich mit dem «Ring», bei dem der künftige Stuttgarter ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Götz Thieme
Der Ritter rast nicht, er schwelgt. In höchsten Tönen und mit tiefster Empfindung besingt Ruggero die Liebe zu seiner Auserwählten, der gleichermaßen aparten wie blaublütigen Bradamante, und um seine werbende Huldigung zu zementieren, hat er sich für sein Solo «Sol per te, mio dolce amore» noch eine transzendierende Traversflöte hinzu erbeten. Zarte Arabesken in...
Leise rieselt der Schwan. Natürlich nicht der ganze, das wäre doch ein bisschen zu viel des Gefieders. Um das mit satten Klängen und bass erstaunten Ausrufen beschworene «Wunder» in ein triftiges Bild zu fassen, genügen einzelne Federn des sagenumwobenen Tiers, die nun von der Decke des Festspielhauses in Baden-Baden sanft in den Saal hinabschweben, derweil der...
Eine Weile war es Mode, Wagners Tetralogie auf vier Regisseure zu verteilen. Das Ideal der stringenten Erzählung eines einzigen Leitungsteams wurde dem Versprechen multipler Perspektiven auf das monumentale Werk geopfert. In Köln liegt der im vergangenen Oktober begonnene «Ring» ganz klassisch in der Hand eines Teams. Doch nach der «Walküre» fragt man sich, wo sich...
