Die pure Poesie
Man hört es und ist sogleich mittendrin in Novalis’ «Hymnen an die Nacht» – auf jenem tiefen, von dunklen Gedanken ummantelten Seelenschmerzfeld, das sich in den Versen ausbreitet, die Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (wie der romantischste aller romantischen Dichter mit bürgerlichem Namen hieß) nach dem viel zu frühen Tod seiner Braut Sophie von Kühn aufs Papier tropfen ließ, wie heiße Tränen, die eine bleiche Wange hinunterkullern.
Und exakt so klingt das Lamento «Vieni o notte in questo petto» aus Alessandro Scarlattis Serenata «Notte ch’in carro d’ombre», wenn Francesca Aspromonte einen Ton nach dem anderen mit silbrig-zarter Stimme in den imaginären Saal haucht, begleitet nur von Rossella Croce und Boris Begelman (Violinen), dem Cellisten Alessandro Palmeri und Federica Bianchi am Cembalo. Es sind diese Minuten, in denen die Welt stillzustehen scheint und nur die Klagelaute durch den Raum fließen, ästhetisch-ätherisch, fast wie von ferne und doch von expressiven Energien durchflutet: pure Poesie.
Vieles auf diesem Album, das den Namen der Arie trägt und ausschließlich Werke aus Scarlattis Schatztruhe versammelt, wirkt so: intensiv leuchtend und zugleich angeweht vom ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Medien, Seite 42
von Viriginie Germstein
Diese Reportage über einen Besuch in Osnabrück muss mit einem flammenden Plädoyer beginnen. Dafür nämlich, dass ein Theater unbedingt ins Zentrum einer Stadt gehört und nirgendwohin sonst. Nicht in eine verkehrsberuhigte Zone, die vor wie nach der Vorstellung ausgestorben ist; nicht in einen verschlafenen Stadtteil jenseits des Zentrums oder in einen relaxten...
Während die Osterfestspiele in Salzburg und Baden-Baden den Wagnerianern mit «Rheingold» und «Lohengrin» die Zeit bis Bayreuth verkürzten, während das hauseigene Symphonieorchester auf Europa-Tournee war, lockte das Opernhaus Zürich die Fans der Alten Musik zu einem neuen ,zehntägigen Festival an die Limmat: «Zürich Barock», ein Defilee der Superstars. Cecilia...
Otello ist eine gebrochene Person. Sein Auftrittsruf «Esultate!», obwohl von George Oniani mit metallischer Härte und Kraft herausgeschleudert, hat nichts Triumphales, allein schon wegen des szenischen Arrangements in der Bonner Neuproduktion von Leo Muscato: Das Volk blickt nach vorn, er kommt von hinten. Bemitleidenswert ist er in der Liebesnacht mit Desdemona....
