Bis dass der Tod uns scheidet
Man stelle sich vor: eine Gefängniszelle, darin die vier mythischen Angeklagten Medea, Antigone, Elektra, Penthesilea. Der Raum bärste vor Energie, Funken schlügen bis zum Himmelszelt hinauf, und vermutlich würden sich die Damen gegenseitig übertreffen in ihrem Bemühen, die tragischste aller antiken Gestalten zu sein.
Medea, weil sie für sich reklamiert, die einzig wahre mordende Mutter zu sein; Antigone, weil ihr nach eigenem Ermessen der Titel «widerspenstigste Widerstandskämpferin» zusteht; Elektra, weil sie die Wahrheit mit sich weiß; Penthesilea schließlich, weil sie diejenige ist, die keinen Unterschied kennt zwischen Eros und Thanatos. Und zudem göttlichen Ursprungs.
Heinrich von Kleist hat der Tochter des Mars und der Otrere in seinem Trauerspiel von 1808 ein Denkmal gesetzt und seiner Faszination für die Ambivalenzen dieser Bühnenfigur freien Lauf gelassen. Was er nicht alles an charakterlichen Zuschreibungen findet: Mal ist die Königin der Amazonen eine «Wölfin», mal «Hyäne»; mal «Sinnberaubte», mal «rasende Megär’»; mal die «Göttliche», mal die «mit aller Götter Fluch Beladene», und mal eine «Todesumschattete», die sich vorsätzlich in den Abgrund stürzt.
In der Staatsoper Hannover, bei der Deutschen Erstaufführung von Pascal Dusapins Musiktheater «Penthesilea» (2015), ist sie von alledem ein bisschen. Vor allem aber ist sie hier ein wildes, hemmungsloses Kind, das staunend in die Welt schaut, diese Welt aber von Anfang an nur bedingt begreifen mag. Während die Harfe jene unschuldig-anmutige Melodie anstimmt, die vom Cymbal auf -genommen wird, blickt Katrin Wundsam – erst in einem Video und dann real auf einer stählernen Kommandobrücke stehend – ihre «Schwester» Prothoe an der Seite (in jederlei Hinsicht umwerfend: Olga Jelínková), durch ein Fernrohr in den Saal, womöglich auf der Suche nach einem Glücksstern. Unter ihr liegt das staubfarbene Schlachtfeld, von weißen, an Gerüststangen aufgehängten Alabasterleinwänden umkränzt, mit aufgeworfener Erdkruste und Drähten, die daraus emporragen wie winzige Stalaktiten. Ein unwirt -licher Ort, dem Bühnenbildner Paul Zoller in luftiger Höhe eine überweltliche Komponente hinzuerfunden hat: einen goldenen, ovalen Rahmen mit Putti an den Flanken – sowohl himmlische Wohnstatt für die stimmmächtige Priesterin Anthea Barać, als auch Spiegel der Welt (und des Orchestergrabens).
Von dort oben aus versucht die Hüterin des Glaubens, der Kostümbildnerin Sabine Blickenstorfer, wie ebenfalls deren elegant gewandeten Novizinnen, riesige (Muttermilch spendende?) Brüste umgeschnallt hat, die Unbezähmbare zur Vernunft zu rufen. Doch vergeblich. Penthesilea, und daran lässt das bedrohlich anwachsende, nach und nach zu dissonanten Clustern verdichtete Brummen im Orchester bald keinen Zweifel mehr, sucht nach dem blutigen Rausch, nach der Ekstase, nach Gewalt. Und mit ihr die Amazonen, die in ihren weißen Mädchenkleidern aussehen wie eine Engelsschar, aber sämtlich mit Bögen bewehrt sind. Wie aussichtslos ihr Unterfangen ist, beglaubigt Regisseur Lorenzo Fioroni durch die schlichte Tatsache, dass der Gegner waffentechnisch weit besser ausgerüstet ist. Die im Stil von Wüstenkämpfern gekleideten Mannen um Achilles und Odysseus (das antike Troja lag im Nordwesten der heutigen Türkei) führen Maschinenpistolen mit sich. Ein ungleicher Kampf, wäre nicht der schier übermenschliche Wille einer einzelnen Frau: Penthesilea.
Was Katrin Wundsam in dieser Rolle leistet, ist, nicht nur stimmlich, außergewöhnlich. Nein: Es ist grandios. So intensiv bohrend, wie Dusapins suggestive, spektralfarbige, virtuos zwischen Ausbruch und nervöser Introspektion changierende Partitur sich in unsere Ohren hineinfräst – was nicht zuletzt an der phantastischen Leistung des von Stephan Zilias geleiteten Niedersächsischen Staatsorchesters liegt –, so mutet auch ihr Spiel an: Wundsams Penthesilea kennt keine Grenzen, sie kennt nur die existenzielle Überschreitung, das Maß- und Haltlose, das Außer-sich-Sein, welches, seltsam genug, einhergeht mit der Suche nach einem eschatologischen Sinn.
Diese Kind-Frau lässt sich weder zähmen noch einkreisen, sie lässt sich nicht einmal töten. Ihre emotionalen Exaltationen sind nur antagonistisch zu begreifen: Liebe und Hass wohnen im selben Herzen, sie sind verschwistert, sie bedingen einander. Peter Schönes scharf gezeichneter Achill ist von gleicher Gesinnung. Ein Aufsässiger, Getriebener, Verrückter, den auch Yannick Spaniers vokal muskulöser Odysseus nicht zu besänftigen mag. Wenn die beiden erstmals aufeinandertreffen, wirkt das zunächst wie ein kerzenumkränztes Balgen im Kinderzimmer, aber schnell wird aus dem Spiel blutiger Ernst – und Penthesilea in den Schlund hinabgezogen (aus dem sie wenig später durch einen blutigen Erdlappen wieder herauskriecht). Der Krieg, den Fioroni in Zollers anti-naturalistischem Bühnenbild plausibel nicht als äußeren, sondern als inneren inszeniert, pumpt sein Blut durch beide Herzen, und spätestens in dem Moment, wenn Penthesilea ihre menschenfleischhungrigen Hunde herbeiruft (bei Kleist sind es acht blutrünstige Doggen, hier zwei gut trainierte Schäferhunde), weiß man, dass nur der Tod das Paar scheiden wird.
Für den finalen Zweikampf findet das Regieteam ein surreales Bild: Auf der Bühne befindet sich nun ein Boxring, mit Cafétischen drumherum. Aber weder sitzt dort jemand, der dem Kampf zuschauen würde, noch findet der Kampf selbst tatsächlich statt. Achilles tänzelt eine Weile in enganliegenden Gold-Leggings, nacktem Oberkörper und Federbuschhelm wie ein Varieté-Darsteller zwischen den Seilen, um dann, von einem (unsichtbaren) Pfeil getroffen, aus dem Geviert zu kullern; Penthesilea erscheint zunächst gar nicht und dann, in Gestalt der Hundetrainerin Nicole Valentin, mit ihren beiden Schäferhunden, die so lange um ein blutrotes Tuch fetzen, bis ihre Chefin sie hinausbeordert. Erst danach bevölkert sich die Bühne mit «alltäglichen» Menschen, auch Penthesilea, Prothoe und die Priesterin betreten die Szenerie. Doch was müssen wir sehen: Ältere, keifende Damen sind’s, dem Mythos um tausende von Jahren entronnen, in gouvernantenhaften Kostümen, mit blondierten Perücken. Doch so plötzlich, wie die Poesie in Dusapins insistierende Musik zurückkehrt, findet sie auch in den Figuren ihre Entsprechung: Der Blut-Druck scheint gesunken, sogar bei Penthesilea, das Wort «Hoffnung» wabert durch den Raum. Vielleicht gibt es doch noch eine Versöhnung? Das Schlussbild deutet diese leise Utopie zumindest an: Im Himmels-Oval sehen wir zwei Kinder, aneinandergeschmiegt.
Dusapin: Penthesilea HANNOVER | STAATSOPER
Premiere: 14. März, besuchte Vorstellung: 8. April 2026
Musikalische Leitung: Stephan Zilias
Inszenierung: Lorenzo Fioroni
Bühne: Paul Zoller
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Licht: Andreas Schmidt
Video: Isabel Robson
Chor: Lorenzo Da Rio
Solisten: Katrin Wundsam (Penthesilea), Olga Jelínková (Prothoe), Peter Schöne (Achilles), Yannick Spanier (Odysseus), Anthea Barać (Priesterin), Juhyeon Kim (Bote), Diana Piticas (Botin), Lenka Macharashvili, Başak Ceber, Sandra Firrincieli (Amazonen) u. a.
www.staatstheater-hannover.de
Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Befehle werden singend erteilt, über Politik im Duett verhandelt», spöttelt der «Capriccio»-Graf über die Oper. Wer, so wie er, die Kunstform als «absurdes Ding» abtun will, macht sich nicht zuletzt gern über Sterbearien lustig: Der musikalisch nach Belieben gedehnte, expressiv ausgeschöpfte Moment ist es, der einer rein rationalen, also eingeschränkten Sichtweise am stärksten...
Die Frage nach seinem Namen muss man sich nicht verkneifen. Mazeppa, der Held dieser Oper, hat Lohengrin etwas voraus. In der Frage der Herkunft allerdings geben beide ihrer Umwelt Rätsel auf. Hier der Ritter, dort der Judas, diese beiden trennen Welten – auch wenn es im einen wie im anderen Opernfall eine Frau gibt, die zum geheimnisumwölkten Mann hält. Die dunkle Variante also der...
alpha
03.05. – 21.45 Uhr
Händel – An Occasional Oratorio
Howard Arman dirigiert den Chor des Bayerischen Rundfunks und die Akademie für Alte Musik Berlin.
arte
02.05. – 23.35 Uhr
Benjamin: Picture a Day Like This
Der britische Komponist George Benjamin präsentierte 2023 in Aixen-Provence sein neues Bühnenwerk «Picture a Day Like This».
03.05. – 15.35 Uhr
Famous Orchestras
Die vierteilige...
