Vexierspiel

Schubert: Lazarus
Vivier: Lonely Child
Potsdam | Friedenskirche

Opernwelt - Logo

Warum Schubert die Komposition seines «Lazarus»-Oratoriums abbrach, ist nicht bekannt. Gut möglich, dass ihm der für den dritten Teil des religiösen Dramas vorgesehene hymnische Erlösungston des Librettisten August Hermann Niemeyer die Eingebung verhagelte. Das im Februar 1820 entstandene Werk endet mit einem hochdramatischen Rezitativ und Arienfragment, molto espressivo: Martha, eine der beiden Schwestern des gerade verstorbenen Lazarus, appelliert an Gott, dem Toten «durch alle Sternenbahnen» folgen zu dürfen.

Doch was die Instrumente und die Sopranstimme da mit fortissimo-Nachdruck gen Himmel schicken, klingt weniger nach festem Glauben an ewiges Leben als nach dem Mut einer Verzweifelnden, der es die Sprache verschlägt.

In der Potsdamer Friedenskirche schwingt genau an dieser Stelle der Sound eines balinesischen Gongs in die abrupte Stille. Bald steigen irisierende Harmonien der Bläser auf, tragen die Stimme, die eben noch für immer verstummt schien, in eine wundersame Welt sanfter Feen und schelmischer Akrobaten, die mit ihrer Nase die Sterne berühren. In ein fröhliches Jenseits, das weder Raum noch Zeit kennt, ein Paradies vergessener Kinderträume und unerschöpflich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Unermesslich schön

Chi scherza con Amor, scherza col fuoco: Wer mit der Liebe spielt, spielt mit dem Feuer. So ist, so war es immer. Auch der Titelheld in Giovanni Antonio Borettis «Eliogabalo» weiß um die Tücken dieses (allzu) leichtfertigen Umgangs mit der wichtigsten Nebensache der Welt. Und doch hat ihm der Schöpfer eine Musik in die Kehle gelegt, die vor Vergnügungssucht nur...

Punktgenau

Wie der «kleine Tod» klingt? Nicht als Naturlaut notabene, sondern als musikästhetisches Konstrukt? Richard Strauss bemühte dafür hochfliegende Streicher und Hörner, Tremoli, Holzbläsertriller und Har­fenglissandi. Bernhard Lang greift in seinem Erotikkarussell «Der Reigen» nach Arthur Schnitzler auf eine «spermatozoische Spezialstruktur» zurück, «bestehend aus...

Fröhliche Wissenschaft

Auf einen solchen Titel muss man erst mal kommen: «Wenn Papageno für Elise einen Feuervogel fängt». Er charakterisiert nicht nur die Fantasie und Freude, mit der MARTIN GECK seine «Kleine Geschichte der Musik» (2006) geschrieben hat, ein blitzgescheites, wunderbar subjektives, auf 200 Seiten verdichtetes Kompendium «von der Urgesellschaft bis zum Hip-Hop», sondern...