Editorial Januar 2020
Am schönsten klingt das Wort im Italienischen: «Coraggio!», das ist wie eine leidenschaftliche Aufforderung zum Tanz, zum sinnlich befreiten Vergnügen. Vergleichsweise distinguiert gibt sich dagegen das englische «courage»; eine Spur eleganter erscheint das französische Pendant in der gleichen Schreibweise.
Während den Gelehrten aller Nationen, platonisch überwölbt, der lateinische Begriff («sapere audere») überlassen bleibt, müssen sich die Anhänger der deutschen Sprache mit der knackigsten, allerdings auch unpoetischsten aller Übersetzungen begnügen: «Mut», das duftet im Grunde nach nichts (obwohl Schuberts gleichnamiges Lied aus der «Winterreise» dies sehr wohl tut), das ist eher wie der stattliche Imperativ aus dem Munde eines preußischen Junkers. All das spielt letztlich aber nur eine untergeordnete Rolle. Denn um den Inhalt hinter dem Begriff geht es. Um die Fähigkeit, mutig zu sein in der Kunst, das Andere zu wagen, das Außergewöhnliche zu versuchen, das Ungesehene und Unerhörte zugänglich zu machen. Und gerade was Letzteres angeht, haben sich die Opernhäuser zwischen Wien und Paris, Schwetzingen und Koblenz, Bergamo und Weimar einiges einfallen lassen in der jüngsten ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
«Toujours à l’improviste» – immer aus dem Augenblick heraus: So seien ihm die einzelnen Szenen von «La Damnation de Faust» während einer Konzertreise durchs alte Europa erschienen. «Ich suchte nicht nach Ideen, ich ließ sie zu mir kommen, und sie stellten sich ein, in völlig unerwarteter Reihenfolge.» Erst in einem letzten Arbeitsschritt habe er das Heterogene zu...
Sie wurden geliebt, sie wurden gefeiert. Sie erhielten die denkbar höchsten Gagen, sie waren die Helden der Höfe. In ihnen sah man das Ideal der Reinheit bewahrt – nota bene: die Reinheit der Kunst. Und jeder, der sein Herz an die Bühnenwerke des Barock verloren hat, kennt ihre berühmtesten Vertreter: Farinelli, Senesino, Caffarelli, Carestini, Nicolini. Doch nur...
Die Bühne dreht sich – wie jene Schraube, die im Titel rotiert. Mit jeder Windung, jedem «Turn of the Screw» erhöhen sich in Benjamin Brittens Kammeroper Druck und Beklemmung. Für die Akteure wie für die Zuschauer. Regisseur Peter Carp und Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer entwickeln über rund zwei Stunden im Großen Haus des Theaters Freiburg einen Spannungsbogen wie...
