Verzärtelt und verstolpert
Mit 43 Jahren ist Daniel Behle auf dem Absprung aus dem lyrischen Fach – er hat Partien wie Lohengrin (in Dortmund und Stuttgart) und Florestan (2020 in Hamburg) im Visier. So besehen hat sein Recital mit Arien aus sieben Mozart-Opern den Charakter eines Abschieds. Als er im September an Covent Garden den Ottavio sang, überzeugte der Tenor, wie zu lesen war, mit «purest belcanto». Damit war wohl die Schönheit seines silbrig-hellen Tons gemeint, wohl auch das Geschick, Wiederholungen oder Reprisen mit der Halbstimme zu singen.
Das gilt auch für die hier diskutierte Aufnahme.
Etwa für die Interpretation von «Un’aura amorosa» (aus «Così fan tutte») oder für den Beginn der Reprise in Ottavios «Dalla sua pace». Nur ist hier nicht durchgehend ein klingendes Piano zu hören, sondern ein säuselndes. Auf seltsame Weise wird dies im Titel der CD – «MoZart» – angekündigt: ein Mozärteln, aus schierer Not beim Koloraturgesang. Während langsame Verzierungen sauber ausgeführt werden, gerät Behle in den Laufpassagen der B-Dur-Arie («Il mio tesoro») nach dem über drei Takte lang gehaltenen F in ärgste Schwierigkeiten. Obwohl die Dirigentin Michi Gaigg mit dem L’Orfeo Barockorchester aus dem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Jürgen Kesting
Chaya Czernowin
Auch in ihrem neuen Stück, das an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt wird, unternimmt die israelische Komponistin eine Reise ins Innerste des Menschen: Ihr Musiktheater mit dem Titel «Heart Chamber» versteht sich als eine «Erforschung der Liebe» im 21. Jahrhundert. Claus Guth führt Regie, Johannes Kalitzke dirigiert, wir hören hin
Lorenzo...
Man fühlt sich in den pastoralen Chor- und Chanson-Sätzen an die schöne Schlichtheit Glucks, in den Arien an die Seelentiefe und den Buffo-Geist Mozarts erinnert. Man genießt die tänzerische Champagnerspritzigkeit und die effektpralle Kontrastdynamik der französischen Barockoper, dazu die tollen Terzette, die lustvolle Lautmalerei. Und doch kommt uns kaum eine Note...
Der Titel der letzten Essaysammlung bringt Hans Zenders philosophisches Credo auf den Punkt: «Mehrstimmiges Denken» (Verlag Karl Alber). Musik war für diesen Anwalt einer Moderne, die Fortschritt in der kreativen Auseinandersetzung mit dem Überlieferten sucht, ein offenes Medium, das gleichermaßen Geist und Sinne, Reflexion und Erfahrung, Analyse und Intuition...
