Aus alter Zeit
Man fühlt sich in den pastoralen Chor- und Chanson-Sätzen an die schöne Schlichtheit Glucks, in den Arien an die Seelentiefe und den Buffo-Geist Mozarts erinnert. Man genießt die tänzerische Champagnerspritzigkeit und die effektpralle Kontrastdynamik der französischen Barockoper, dazu die tollen Terzette, die lustvolle Lautmalerei.
Und doch kommt uns kaum eine Note von André-Ernest-Modeste Grétry bekannt vor – bis wir auf einmal innerlich jedes Wort mitsingen wollen – als Laurette, eine soubrettenkecke Vorgängerin der Zerlina oder Despina, ihre melancholisch-amouröse Arie mit dem charakteristisch herzklopfenden «qui bat, qui bat» anstimmt: «Je crains de lui parler la nuit.»
Tschaikowsky sollte sich 106 Jahre nach der Uraufführung von 1784 an der Pariser Opéra Comique bei Grétrys «Richard Cœur de Lion» bedienen – in «Pique Dame»: Er legte seiner dem Tode entgegensehenden Gräfin diesen alten Schlager einer jungen Liebenden in den Mund, die ihn mit gebrochener Stimme zur bestürzten Rührung des Publikums erklingen lässt: Eine Mumie des Ancien Régime besingt das Herzklopfen über die verlorene Zeit. Eine weitere Arie dieser komischen Oper, die dem legendären englischen König Richard ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Peter Krause
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Wer sich erkennen will, braucht Abstand zu sich selbst. Er muss aus der Befangenheit in den eigenen Verhältnissen hinaustreten können, frei werden von den Imperativen seines Alltags, dessen bloße Abbildung nichts als neue Nötigung wäre. Darin liegt die große Weisheit der Alten, zumal des barocken Theaters, das Geschehen der Oper zu verlegen an ferne Orte und in...
