Verliebt in die Verpackung
«Die Kunst blüht, ist an der Herrschaft, streckt ihr rosenumwundenes Zepter über die Stadt hin und lächelt.» Ein Paradies. Und exakt 108 Jahre her. Es war Thomas Mann in der Novelle «Gladius Dei», der damals so von der Isarstadt schwärmte. Sein Fazit: «München leuchtete», was zu einer fast gleichnamigen kommunalen Medaille, zu «München leuchtet» führte, mit der die Weißblauen ihre Besten schmücken.
Aber heute? München wetterleuchtet, so scheint es, verblühte Kunst und verdorrtes
Rosenzepter inklusive.
Die Personalien-Parade der letzten Monate lässt tatsächlich auf ein annus horribilis schließen: Christian Thielemann auf der Flucht von Münchens Philharmonikern zur Dresdner Staatskapelle, dazu der abservierte Gärtnerplatz-Intendant Ulrich Peters, ein von der Staatsoper weggeekelter Chefdirigent Kent Nagano, schließlich ein Opern-Intendant, Nikolaus Bachler, der sich am Nationaltheater nun als siegreicher Alleinherrscher fühlen kann. Seine Festspiele freilich hat er mit einem lauen «Tosca»-Aufguss eröffnet, und seine vollmundigen Ankündigungen halten bei Weitem nicht immer Schritt mit dem künstlerischen Ergebnis.
Leicht ließe sich das alles über einen Kamm scheren. Und Sündenböcke – ...
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In einem Darmstädter Vortrag von 1961 dachte Theodor W. Adorno darüber nach, was künstlerische Utopie bedeutet. Seine Antwort: «Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.» Das konnte, über alle Sentenzhaftigkeit hinaus, konkret auf die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre bezogen werden. Und es hatte weitreichende Folgen. In der Oper bedeutete der...
Der Streit um Sinn oder Unsinn, vergessene Opern «auszugraben», ist so alt wie dieser Versuch selbst. Als das Nationaltheater Mannheim Carl Orff 1925 die Möglichkeit gab, Monteverdis «Orfeo» für das lebendige Theater zurückzugewinnen, war der Erfolg entmutigend. Zur Premiere waren zwar Musiker, Musikwissenschaftler, Intendanten und Spezialisten aus dem ganzen...
Memoiren seien die Zeitbomben des Pensionisten, sagte Henry Kissinger. Das mit dem Pensionisten trifft im Falle Ioan Holenders nicht ganz zu, denn der 75-Jährige ist als Berater großer Opernhäuser und Festivalleiter weiterhin im Geschäft. Darauf verweist auch der Titel seines neuen Buchs, das pünktlich zum Abschluss seiner Direktionsära erschien: «Ich bin noch...
