Vergnügen am Ungewissen
Das verlorene Paradies – die biblische Metapher steht für den Haltverlust des modernen Menschen. Für eine Moderne, die künstlerisch im 19. Jahrhundert wurzelt und deren Protagonisten – Komponisten wie Lyriker – die Erfahrung einer im Untergang begriffenen Welt machen mussten und – im besseren Fall – eine Ahnung von neuen Zeitaltern mitbekamen. «Paradise Lost» heißt das kühn Zeiten und Stile zusammenbindende Liedprogramm der Sopranistin Anna Prohaska und des Pianisten Julius Drake, das wie im Schlaglicht eines Verfolgerscheinwerfers menschliche Zustände erhellt.
In sechs Abteilungen frieren die 25 Kompositionen Glück und Schrei der Kreatur ein: Ein Morgen im Paradies. Die Erschaffung der Eva. Arkadien/Pastorale Idylle. Das Spiel mit dem Feuer/Eva und das Böse/Der Sündenfall. Vertreibung/Exodus/Erinnerung. Das irdische Leben. Der älteste Komponist ist Henry Purcell, er gehört hier wie Franz Schubert und Johannes Brahms («Salamander» aus den 5 Liedern op. 107) insofern zu den Modernen, weil er, wie sie, Außenseiter gewesen ist. Quer standen sie zu ihrer Zeit, öffneten zugleich Tore zu ungehörten Räumen, die der Nachwelt als wegweisend galten (siehe Arnold Schönbergs Aufsatz «Brahms, ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 33
von Götz Thieme
Hansgeorg Kling ist kein Mann der großen Gesten und Worte. Er wirkt lieber im Stillen, diskret, unauffällig, ohne aufgesetzten Aplomb, dafür aber mit größtem Engagement und mit profunder Sachkenntnis. Und vor allem in einem Fach ist der emeritierte Studienrat (Deutsch, Geografie und Politik) jeder Prüfung gewachsen: in der Wagner-Kunde. Jedes seiner Werke kennt...
Fast scheint es, als stünde dieser elegant gekleidete Mann, wie er da auf einem mehr als anderthalb Meter hohen Sockel auf der Brühlschen Terrasse zu Dresden thront, das linke Knie angewinkelt, den nämlichen Fuß auf zwei Tempelruinen mit Löwenköpfen gesetzt, während der rechte auf Meißner Granit ruht, souverän über den Dingen. Doch der erste Schein trügt. Sein in...
Er war weder Impressionist noch Faschist. Aber das half ihm wenig. Beide Vorurteile sind journalistisch längst in Stein gemeißelt, selbst in Italien, dessen größter Komponist er im 20. Jahrhundert gewesen ist. Kein Landsmann schuf vor oder nach Respighi auch nur ansatzweise vergleichbare Instrumentalmusik, was fatalerweise den Blick auf sein Lebenswerk total...
