Vergnügen am Ungewissen

Neue Lied-Recitals mit Anna Prohaska und Julius Drake, Agata Zubel und Krzysztof Książek

Das verlorene Paradies – die biblische Metapher steht für den Haltverlust des modernen Menschen. Für eine Moderne, die künstlerisch im 19. Jahrhundert wurzelt und deren Protagonisten – Komponisten wie Lyriker – die Erfahrung einer im Untergang begriffenen Welt machen mussten und – im besseren Fall – eine Ahnung von neuen Zeitaltern mitbekamen. «Paradise Lost» heißt das kühn Zeiten und Stile zusammenbindende Liedprogramm der Sopranistin Anna Prohaska und des Pianisten Julius Drake, das wie im Schlaglicht eines Verfolgerscheinwerfers menschliche Zustände erhellt.

In sechs Abteilungen frieren die 25 Kompositionen Glück und Schrei der Kreatur ein: Ein Morgen im Paradies. Die Erschaffung der Eva. Arkadien/Pastorale Idylle. Das Spiel mit dem Feuer/Eva und das Böse/Der Sündenfall. Vertreibung/Exodus/Erinnerung. Das irdische Leben. Der älteste Komponist ist Henry Purcell, er gehört hier wie Franz Schubert und Johannes Brahms («Salamander» aus den 5 Liedern op. 107) insofern zu den Modernen, weil er, wie sie, Außenseiter gewesen ist. Quer standen sie zu ihrer Zeit, öffneten zugleich Tore zu ungehörten Räumen, die der Nachwelt als wegweisend galten (siehe Arnold Schönbergs Aufsatz «Brahms, ...

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Opernwelt August 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 33
von Götz Thieme