Nach Wahrheit suchen

Sie träumt von regiefreien Opernabenden, in denen nichts angeordnet wird und sich alles aus einem inneren Müssen ereignet. Dabei zählt Sandra Leupold zu den Regisseurinnen, für die jede Sekunde eines Stücks aus der Musik heraus entwickelt sein und mit ihr übereinstimmen muss. Ein Gespräch über höchste Ansprüche, das seltsame Kunstwerk Oper, heiße und kalte Spieler sowie die Angst vor dem Nichts

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Frau Leupold, lieben Sie das Chaos?
Eigentlich fürchte ich es. Aber vielleicht liebe ich es insgeheim? Und will einfach nicht lernen, wie es aus meinem Leben fernzuhalten wäre. Es ist immer um mich herum.

Welche Vorteile birgt dies? Und welche Nachteile?
Chaos kann durchaus inspirierend sein. Der Nachteil ist, dass es Lebenszeit frisst. Trotzdem fürchte ich, es bleibt ein schöner Traum: nach der Reinheit der Gedanken am perfekten Schreibtisch in der perfekt aufgeräumten Wohnung suchen zu können.

Damit sind zwei Begriffe im Spiel, die einander widersprechen: Chaos hier, Reinheit der Gedanken dort. Vielleicht sollte durch das Chaos der Flor der Ordnung hindurchschimmern? Und resultiert daraus dann vielleicht die Reinheit der Gedanken?
Das klingt wunderbar. Ich denke an Schönberg, der sich sozusagen durch das Chaos seiner Zeit hindurch und hinein in die klinisch reine Atmosphäre des Weltalls geschossen hat mit der Musik zu seiner «Erwartung» – um dort als erster die frische «Luft» des unberührten Kosmos zu atmen. Wie in der Sekunde nach dem Urknall.

Aber hat Schönberg letztlich nicht mehr Türen geschlossen als geöffnet mit seiner ästhetischen Hermetik?
Nun ja, er hat sich zumindest ...

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Opernwelt August 2020
Rubrik: Interview, Seite 36
von Jürgen Otten

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