Verdi-Dämmerung in Parma
Auch das Publikum ist nicht mehr das, was es einmal war. Beispiel: Parma. In der Verdi-Hochburg übte es noch in den frühen sechziger Jahren mit gnadenloser Strenge sein selbst erteiltes Richteramt aus. Auch die Großen blieben nicht verschont. Rosanna Carteri etwa flüchtete sich während einer «Traviata»-Aufführung vor den Missfallenskundgebungen in eine Ohnmacht, der robustere amerikanische Bariton Cornell McNeil brach eine Vorstellung des «Maskenball» mit dem ins Auditorium geschleuderten Ruf «Basta, cretini!» kurzerhand ab.
Tempi passati.
Heute werden in Parma auch Sänger gefeiert, die ihre Parts eher schlecht als recht bewältigen. So der relativ junge Bassist Giacomo Prestia, der schon jetzt so stumpf und abgesungen klingt wie ein Siebzigjähriger, was zwar dramaturgisch, aber keineswegs musikalisch aus der Rolle des Silva zu legitimieren ist. Der Rest ist nur unwesentlich besser. Marco Berti muss Ernanis heroische Kraft regelrecht herbeistemmen und klingt nur in den Mezzavoce-Partien der Schlussszene einigermaßen entspannt. Susan Neves (Elvira) ist eine Freistilsängerin, die zwischenzeitlich durch schöne Piano-Phrasen überrascht, und Carlo Guelfi bringt für die Königspartie ...
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Der bemerkenswerteste Versuch, Monteverdis «Poppea» den Händen von Barockspezialisten zu entwinden und dem musiktheatralischen Mainstream zuzuführen, war 1976 in Paris zu verfolgen, als Gwyneth Jones die Titelpartie sang, Jon Vickers den Nerone gab und Christa Ludwig als Ottavia, Richard Stilwell als Ottone sowie Nikolai Ghiaurov als Seneca auf der Bühne standen....
Die Türen sind verschlossen, der ganze Bau mit seiner wuchtigen Waschbetonfassade scheint in einen Dornröschenschlaf gesunken zu sein. Wer dieser Tage vor Berlins Deutscher Oper steht, könnte glauben, die Politik habe bereits kurzen Prozess mit dem zweitgrößten Opernhaus der Republik gemacht und es ebenso abgewickelt wie das nur einen Katzensprung entfernte...
Herr Thielemann, brauchen wir nach der Kanon-Debatte in der Literatur auch eine vergleichbare Diskussion für die Musik?
Klassiker sind wie das tägliche Brot. Wir kämen nicht auf die Idee zu sagen: Ab morgen werden wir nicht mehr mit Wasser duschen, weil uns dieses Wasser nach Jahrtausenden jetzt auf den Senkel geht. Und so sehe ich das auch mit den Klassikern....
