Väter und Söhne
Tamerlano» (1724) wird von Händel-Kennern wegen seiner harmonischen Kühnheit und der atemberaubenden Selbstmordszene des türkischen Sultans Bajazet, eine der raren großen Tenor-Partien der Opera seria, geschätzt, vom Publikum aber eher als spröde gefürchtet. Mit diesem Eindruck macht Riccardo Minasi jetzt Schluss. Seine Tempi zielen nicht auf vordergründigen Drive, sie sind extrem flexibel und regen dazu an, genauer hinzuhören. Fast jede Arie wird im Zusammenspiel mit ausgefeilter Dynamik zu einem Charakterstück.
Kostbare Höhepunkte werden durch agogische Rückungen ausgekostet, Nebenstimmen zum «Sprechen» gebracht. Zudem verfolgt Minasi die Strategie, Rhythmus und Dynamik (!) französisch zu punktieren, was den Rezitativen ein enorm lebendiges, rhetorisch «überreden» wollendes, flüssiges Pathos verleiht, den Arien einen aparten Swing und in den gebundenen Tönen eine atmend-irreguläre Oberfläche. Auch die exuberanten Variationen und Verzierungen bei Sängern wie beim vokal phrasierenden Orchester (!), das nicht nur begleitet, sondern «mitredet», sind ungewöhnlich erdacht, reich und fantasievoll, ohne je übers Ziel hinauszuschießen. Mit alldem schert Minasi aus der Händel-Routine aus ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Boris Kehrmann
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