Väter und Söhne

Neue Händel-Aufnahmen unter Riccardo Minasi, René Jacobs und Laurence Cummings

Opernwelt - Logo

Tamerlano» (1724) wird von Händel-Kennern wegen seiner harmonischen Kühnheit und der atemberaubenden Selbstmordszene des türkischen Sultans Bajazet, eine der raren großen Tenor-Partien der Opera seria, geschätzt, vom Publikum aber eher als spröde gefürchtet. Mit diesem Eindruck macht Riccardo Minasi jetzt Schluss. Seine Tempi zielen nicht auf vordergründigen Drive, sie sind extrem flexibel und regen dazu an, genauer hinzuhören. Fast jede Arie wird im Zusammenspiel mit ausgefeilter Dynamik zu einem Charakterstück.

Kostbare Höhepunkte werden durch agogische Rückungen ausgekostet, Nebenstimmen zum «Sprechen» gebracht. Zudem verfolgt Minasi die Strategie, Rhythmus und Dynamik (!) französisch zu punktieren, was den Rezitativen ein enorm lebendiges, rhetorisch «überreden» wollendes, flüssiges Pathos verleiht, den Arien einen aparten Swing und in den gebundenen Tönen eine atmend-irreguläre Oberfläche. Auch die exuberanten Variationen und Verzierungen bei Sängern wie beim vokal phrasierenden Orchester (!), das nicht nur begleitet, sondern «mitredet», sind ungewöhnlich erdacht, reich und fantasievoll, ohne je übers Ziel hinauszuschießen. Mit alldem schert Minasi aus der Händel-Routine aus ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Boris Kehrmann

Weitere Beiträge
Aus einem Totenhaus

Niederösterreich» heißt es im Text, auch der Name Natascha kommt vor (die mörderische  Mutter der Protagonistin wird so genannt). Das könnte ein Indiz für Aktualitätssucht sein. Doch Georg Friedrich Haas und sein Librettist Händl Klaus beteuern, «Bluthaus», 2011 in Schwetzingen uraufgeführt (siehe OW 6/2011), dessen erweiterte Neufassung nun erstmals bei den Wiener...

Neunzehnvierzehn

Man muss kein Kinderhasser sein, um die Geschichte von der «Frau ohne Schatten» schwer verdaulich zu finden. Selbst wer das Drama des unerfüllten Kinderwunsches ernst nimmt, kann sich überlastet fühlen, wenn zum Schluss der Richard-Strauss-Oper der Chor der Ungeborenen seine Stimme erhebt. Regisseure flüchten da gern mal in die Ironie und lassen die Kinderwagen...

Auf der Bühne kriegt man keinen Schluckauf

Haben Sie sich die Zeit nach Ihrer Intendanz so vorgestellt?
Nee. Jedenfalls nicht so arbeitsreich. Ich hatte schon gehofft, etwas mehr Freizeit zu haben und das Zuhause genießen zu können. Ich bin fast genauso viel auf Reisen wie zu Sängerzeiten.

Man könnte sich auch dagegen entscheiden.
Ja, das stimmt wohl. Aber wenn man im Alter noch so gefragt ist, ist das schon...