Unvereinbare Welten
In anderen Zeiten würde man vermutlich die «Meistersinger» spielen: als kraftvolle Eigenbespiegelung, als selbstbewussten bis selbstgewissen Diskurs über eine prinzipiell ungefährdete Kunst – obgleich, gottlob, die (Regie-)Zeiten vorbei sind, als man der Deutschen Festoper von der finalen halben Stunde her gedachte.
Doch die Verhältnisse sind so: Dass sich Berlin, Dresden, Essen oder Gelsenkirchen auf die älteste Opernhandlung überhaupt besinnen, auf den die Unterwelt besänftigenden Orpheus, ob von Claudio Monteverdi oder Christoph Willibald Gluck, das hat nur bedingt etwas zu tun mit reduzierten, Pandemie-tauglichen Besetzungen.
Ob zurück auf Los oder zu den Wurzeln: Vom Ertasten einer neuen, ungewohnten, auch feindlichen Welt kündet dieser Mythos, von der so gefährdeten Macht der Musik, vom Licht im Tunnel, von der Formwerdung der Oper überhaupt, auch und erst recht bei der Reformwerdung eines Gluck. Was das mit uns zu tun hat, gerade jetzt, das führen besonders die Premieren in Augsburg (mit Monteverdis «L’Orfeo») und Nürnberg (mit Glucks «Orfeo ed Euridice») vor. Beide versuchen sich an einer Herholung, an einer Verheutigung. Was mal besser, mal verbesserungsfähig gelingt.
Das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Markus Thiel
Hätte es 1870/71 zwischen Frankreich und Preußen keinen Krieg gegeben, dann gäbe es in Giuseppe Verdis «Aida» wohl weder die «Nil-Arie» noch das Orchestervorspiel zum dritten Akt, das die Atmosphäre einer überhitzten Nacht am Fluss so genial einfängt. Denn weil zum eigentlich für Kairo geplanten Uraufführungstermin Bühnenbilder und Kostüme im belagerten Paris...
Filigran intime, von einem Streichquintett intonierte Kammermusik erklang zu Beginn der ersten Eigenproduktion der Staatsoper Stuttgart nach dem ersten Corona-Lockdown aus dem Orchestergraben – Musik irgendwo angesiedelt zwischen Verdis «Aida»-Vorspiel und dem Sextett aus Richard Strauss’«Capriccio». Es war der Auftakt zu einer ungewöhnlichen, ursprünglich schon...
Eine schwierige Angelegenheit ist sie, die Liebe in den Zeiten von Corona. Hinter der Bühne, auf der Bühne, ach, überall, immerzu. Und dann dieses Stück, das durchtränkt ist vom Begehren, von der alles überwindenden Kraft der Zuneigung zweier junger Menschen, die ihr Herz gleich bei der ersten Begegnung an ihr Gegenüber verlieren und einander am liebsten auf der...
