Unvereinbare Welten

Zurück zum Mythos: In Nürnberg dirigiert Joana Mallwitz einen aufregenden Monteverdi–«L’Orfeo», in Augsburg leitet Wolfgang Katschner eine stilsichere Aufführung von Glucks «Orfeo ed Euridice», die Regie sucht da wie dort ihr Heil in etwas planer Aktualisierung

In anderen Zeiten würde man vermutlich die «Meistersinger» spielen: als kraftvolle Eigenbespiegelung, als selbstbewussten bis selbstgewissen Diskurs über eine prinzipiell ungefährdete Kunst – obgleich, gottlob, die (Regie-)Zeiten vorbei sind, als man der Deutschen Festoper von der finalen halben Stunde her gedachte.

Doch die Verhältnisse sind so: Dass sich Berlin, Dresden, Essen oder Gelsenkirchen auf die älteste Opernhandlung überhaupt besinnen, auf den die Unterwelt besänftigenden Orpheus, ob von Claudio Monteverdi oder Christoph Willibald Gluck, das hat nur bedingt etwas zu tun mit reduzierten, Pandemie-tauglichen Besetzungen.

Ob zurück auf Los oder zu den Wurzeln: Vom Ertasten einer neuen, ungewohnten, auch feindlichen Welt kündet dieser Mythos, von der so gefährdeten Macht der Musik, vom Licht im Tunnel, von der Formwerdung der Oper überhaupt, auch und erst recht bei der Reformwerdung eines Gluck. Was das mit uns zu tun hat, gerade jetzt, das führen besonders die Premieren in Augsburg (mit Monteverdis «L’Orfeo») und Nürnberg (mit Glucks «Orfeo ed Euridice») vor. Beide versuchen sich an einer Herholung, an einer Verheutigung. Was mal besser, mal verbesserungsfähig gelingt.

Das ...

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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Markus Thiel

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