Unvereinbare Welten
In anderen Zeiten würde man vermutlich die «Meistersinger» spielen: als kraftvolle Eigenbespiegelung, als selbstbewussten bis selbstgewissen Diskurs über eine prinzipiell ungefährdete Kunst – obgleich, gottlob, die (Regie-)Zeiten vorbei sind, als man der Deutschen Festoper von der finalen halben Stunde her gedachte.
Doch die Verhältnisse sind so: Dass sich Berlin, Dresden, Essen oder Gelsenkirchen auf die älteste Opernhandlung überhaupt besinnen, auf den die Unterwelt besänftigenden Orpheus, ob von Claudio Monteverdi oder Christoph Willibald Gluck, das hat nur bedingt etwas zu tun mit reduzierten, Pandemie-tauglichen Besetzungen.
Ob zurück auf Los oder zu den Wurzeln: Vom Ertasten einer neuen, ungewohnten, auch feindlichen Welt kündet dieser Mythos, von der so gefährdeten Macht der Musik, vom Licht im Tunnel, von der Formwerdung der Oper überhaupt, auch und erst recht bei der Reformwerdung eines Gluck. Was das mit uns zu tun hat, gerade jetzt, das führen besonders die Premieren in Augsburg (mit Monteverdis «L’Orfeo») und Nürnberg (mit Glucks «Orfeo ed Euridice») vor. Beide versuchen sich an einer Herholung, an einer Verheutigung. Was mal besser, mal verbesserungsfähig gelingt.
Das ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Markus Thiel
Man müsse, schrieb der Dichter Charles Baudelaire 1851 in einem Aufsatz über Pierre Dupont, den populären Chansonnier der 1848er-Revolution, «ein Werk sich anverwandeln, um es recht auszudrücken». Der Bariton Laurent Naouri hat sich diese Devise zu eigen gemacht, wenn er jetzt eine CD vorlegt, auf der er französische Lieder von Gabriel Fauré, Claude Debussy und...
Hätte es 1870/71 zwischen Frankreich und Preußen keinen Krieg gegeben, dann gäbe es in Giuseppe Verdis «Aida» wohl weder die «Nil-Arie» noch das Orchestervorspiel zum dritten Akt, das die Atmosphäre einer überhitzten Nacht am Fluss so genial einfängt. Denn weil zum eigentlich für Kairo geplanten Uraufführungstermin Bühnenbilder und Kostüme im belagerten Paris...
Anfang September nahm das Bolschoi Theater wieder den Spielbetrieb auf. Hinter der Bühne warnte ein Schild: «Es ist verboten, die Solisten zu umarmen. Bitte machen Sie keine Fotos mit dem Ensemble.» Zuvor war Russlands größtes Opernhaus für einige Monate geschlossen gewesen, seit dem späten Frühjahr wurden alle regulären Vorstellungen abgesagt, Neuproduktionen...
