Unterdrückt
Die heilige Jungfrau schweigt. Überlebensgroß, wie ein Mahnmal, thront sie als festlich gekleidete Puppe in der Mitte des leeren weißen, von Bernd Purkrabek sensibel ausgeleuchteten Raums, ein flammend rotes, dornenumkränztes Herz in der Linken, den bedeutsamen Hochzeitsschleier in der Rechten. Neben ihr, im Wasser, liegt eine Nackte, vermutlich entstammt sie dem Reich der Liebesgöttin Venus; sie wird sich im Verlauf der Szene jedoch in eine Vestalin verwandeln.
Und vorn, an der Rampe, steht die Angeklagte, Julia, weißgewandet wie die leinenbetuchten Mauern, die sie umschließen (Bühne: Katrin Connan). Für sie allein hat Gaspare Spontini diese schmerzensreiche, zugleich seraphische Musik geschrieben (die wohl auch Richard Wagner im Ohr hatte, als er Elisabeths Ges-Dur-Gebet im «Tannhäuser» komponierte). Eine Bravourarie, die als arioses Larghetto espressivo in Es-Dur beginnt, im wiegenden Sechsachteltakt und – mit größter Dezenz – bereits im zarten Orchestervorspiel zwei musikalische Figuren exponiert, die Julias grande scène begleiten werden: hier ein in den Streichern geführtes fragendes Sechzehntel-Motiv, dort ein in Achtel gefügter Horn-Ruf (ist’s Licinius, der Geliebte?), der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Edgar Degas war als Vorläufer impressionistischer Tendenzen nicht nur ein hervorragender Maler, Zeichner und subtiler Farbjongleur des Pastells, sondern ein ebenso genauer Beobachter mit ausgeprägten experimentellen Interessen. Die aufkommende Fotografie nutzte er für die bildnerische Präzision der Bewegungswiedergabe. Berühmt und gerühmt wurden seine dynamischen...
Die Bühne dreht sich – wie jene Schraube, die im Titel rotiert. Mit jeder Windung, jedem «Turn of the Screw» erhöhen sich in Benjamin Brittens Kammeroper Druck und Beklemmung. Für die Akteure wie für die Zuschauer. Regisseur Peter Carp und Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer entwickeln über rund zwei Stunden im Großen Haus des Theaters Freiburg einen Spannungsbogen wie...
Der Racheengel trägt Rot: giftig glühendes Scharlachrot. Auf den Lippen, über den Knien, um Schultern und Hüften. Kühl-mondän, einen Hauch verwegen präsentiert sich die Pariser Kinobesitzerin Emmanuelle Mimieux in ihrem delikat dekolletierten Kleid an diesem Abend, der für sie die einmalige Chance bereithält, ihre von den Nazis hingeschlachtete Familie zu rächen....
