Unter Leuten
Faltenröcke machen früh alt. Jener, in dem die verträumte Bücherratte Tatjana steckt, lässt die junge Frau zu Beginn bereits wie ihre eigene Oma aussehen, die mit Vorliebe vom Damals erzählt, als die Zukunft noch so viel besser war. Doch die Schwärmerin singt sich in ihrer Briefszene empor aus dem wohlsortiert-langweiligen Landleben jenes Spießbürgeridylls, das Susanne Gschwender da in ihrem wunderbar wandlungsfähigen Einheitsbühnenbild ersonnen hat.
Die mächtig hohe Halle von Larinas Gutshaus könnte aus besseren russischen Provinzkreisen der 1950er-Jahre stammen; sie markiert messerscharf die Mitte zwischen privatem und öffentlichem Raum, in dem den Blicken und Ohren des Chorkollektivs garantiert nichts Intimes verborgen bleiben kann. So trällern die beiden Schwestern Olga und Tatjana ihr Liedchen zur Klavierbegleitung lieber im hintersten Winkel der teuren Halle als bestmöglichem Rückzugsort. Wie es sich für anständige Leute auch auf dem Lande gehört, stehen die Regale voller Bücher, hängen romantische Gemälde dichtgedrängt an den grüngraulichen Wänden und steht eben ein Klavier in der Ecke.
Als nach dem Eifersuchtseklat beim Fest zu Tatjanas Namenstag, bei dem sich die ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Peter Krause
Wagners «Tristan und Isolde» sagt man eine weitestgehende Handlungslosigkeit nach. Alles Äußere sei in diesem Werk nach Innen gekehrt: innere Vorgänge, Liebesschmerz, Liebestrunkenheit, Gekränktheit. Alles nur im Kopf. Und im Herzen.
Das Regie-Duo Alexandra Szemerédy, und Magdolna Parditka hat in seiner Lesweise jetzt in Saarbrücken einmal alles auf den Kopf...
Die Hagener Koppelung von Puccinis Einakter «Suor Angelica» mit Outi Tarkiainens «A Room of One’s Own», der ersten, nun uraufgeführten Oper der 1985 geborenen finnischen Komponistin, zu einem Doppelabend mochte zunächst befremdlich wirken. Zwischen dem wahnhaft verklärten, gleichsam der Realität entzogenen Selbstmord der Nonne Angelica und dem musiktheatralen Essay...
Das Glück? Gleicht ein bisschen dem Mond. Allzu selten erscheint es in vollem Glanze, und dann auch nur für Augenblicke, bevor es wieder abnimmt, Stück für Stück, und schließlich wie von Geisterhand verschwunden ist, im Irgendwo, dort also, wo man es nicht findet, selbst wenn man sich auf die Suche danach begibt. Für Jenůfa ist diese Abwesenheit von Glück der...
