Die zarte Pflanze Glück

Zweimal «Jenůfa»: Tatjana Gürbaca und Tomáš Hanus dringen in Genf zum Kern vor, Damiano Michieletto und Thomas Guggeis suchen in Berlin nach der verlorenen Schönheit

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Das Glück? Gleicht ein bisschen dem Mond. Allzu selten erscheint es in vollem Glanze, und dann auch nur für Augenblicke, bevor es wieder abnimmt, Stück für Stück, und schließlich wie von Geisterhand verschwunden ist, im Irgendwo, dort also, wo man es nicht findet, selbst wenn man sich auf die Suche danach begibt. Für Jenůfa ist diese Abwesenheit von Glück der Normalzustand, weil ihr Leben aus lauter Missverständnissen besteht und auf Unverstandensein gründet. Sie passt nicht in diese Welt, die das Glück anders definiert als sie selbst, deswegen ist sie zum Scheitern verurteilt.

Alles, was sie in Angriff nimmt, prallt ab an der Faktizität der gesellschaftlichen Realität, aber auch an ihrem Anderssein. 

In Tatjana Gürbacas Genfer Inszenierung sieht man das von Anfang an. Jenůfa ist eine Fremde, sie findet keinen Zugang zu dem, was um sie herum passiert. Im adrett gemusterten, blauweißen Sommerkleid, das Silke Willrett ihr geschneidert hat, steht sie unterhalb der dunkel getäfelten Treppe, die Henrik Ahr auf die Bühne des Grand Théâtre gewuchtet hat und die umgrenzt wird von einem gewaltigen Holzdach; in diesem «Haus» wohnt keine Wärme, zudem wirkt es so, als wäre ein Entkommen ...

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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten

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