Die zarte Pflanze Glück
Das Glück? Gleicht ein bisschen dem Mond. Allzu selten erscheint es in vollem Glanze, und dann auch nur für Augenblicke, bevor es wieder abnimmt, Stück für Stück, und schließlich wie von Geisterhand verschwunden ist, im Irgendwo, dort also, wo man es nicht findet, selbst wenn man sich auf die Suche danach begibt. Für Jenůfa ist diese Abwesenheit von Glück der Normalzustand, weil ihr Leben aus lauter Missverständnissen besteht und auf Unverstandensein gründet. Sie passt nicht in diese Welt, die das Glück anders definiert als sie selbst, deswegen ist sie zum Scheitern verurteilt.
Alles, was sie in Angriff nimmt, prallt ab an der Faktizität der gesellschaftlichen Realität, aber auch an ihrem Anderssein.
In Tatjana Gürbacas Genfer Inszenierung sieht man das von Anfang an. Jenůfa ist eine Fremde, sie findet keinen Zugang zu dem, was um sie herum passiert. Im adrett gemusterten, blauweißen Sommerkleid, das Silke Willrett ihr geschneidert hat, steht sie unterhalb der dunkel getäfelten Treppe, die Henrik Ahr auf die Bühne des Grand Théâtre gewuchtet hat und die umgrenzt wird von einem gewaltigen Holzdach; in diesem «Haus» wohnt keine Wärme, zudem wirkt es so, als wäre ein Entkommen ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Ich sah Hectors Schatten wie einen einsamen Wächter über unsere Wälle schreiten», das singt Cassandre in ihrem großen Auftritts-Air im ersten Akt, nachdem der gläsern-luftige Chor der Trojaner, die sich der Illusion des Kriegsendes begierig hingeben, in schrillen Bläserfanfaren jäh verklungen ist. Jubelchöre, Staatsaktionen und hysterische Massenbegeisterung, die...
Das französische Wort «traversée» besitzt im Deutschen verschiedene Bedeutungen. Gemeint sein kann damit sowohl das Überqueren eine Brücke, das Durchschwimmen eines Flusses, aber auch ein Flug übers Gebirg’ hinweg. Für Patricia Petibon und Andrea Marcon bedeutet es, wie der italienische Dirigent in einem kleinen Beitrag für das Booklet des Albums «La Traversée»...
Der Dunst der Dekadenz schwebt über den üppig orchestrierten Klängen des Italo Montemezzi. «L'amore dei tre re» atmet die Schwüle des Fin de Siècle. Am 10. April 1913 wurde das Poema tragico an der Mailänder Scala gleichwohl zu einem Uraufführungstriumph, der kurz darauf vom Erfolg der (von Arturo Toscanini an der Met dirigierten) USA-Premiere noch übertroffen...
