Unschuldig ist niemand
Kein Sympathieträger, nirgends. Nur empathielose, machtgeile Ausgeburten einer verkommenen englischen Adelsgesellschaft. Drei der fünf Protagonisten bleiben auf der Strecke: der namenlose König, sein Lover Gaveston und sein entmachteter Militärexperte Mortimer, der wiederum Gaveston ermorden lässt, bevor er selbst umgebracht wird. Über körperliche und seelische Gewalt erfährt man in George Benjamins Erfolgsoper von 2018 genug.
Wo aber bleibt die Liebe? Auch sie ist im Libretto von Martin Crimp nach Christopher Marlowes Schauspiel «Edward II» pervertierte Gewalt mit einem gehörigen Schuss Sadismus. Die homoerotische Beziehung des Königs steht für körperliche, seine Ehe mit Königin Isabel für seelische Grausamkeit.
Und doch liegt auch Liebe in der Luft des Ulmer Theaters: die Liebe zur Kunst, genauer zur Musik. Man kann sie als erfüllten Wunschtraum des Königs verstehen, der sich lieber mit Theater und Konzerten als mit seinen Regierungsgeschäften befasst. Man kann sie allerdings auch als ästhetischen Kontrapunkt des Komponisten begreifen, der mit Schönheit auf die quälende Bosheit auf der Bühne reagiert, als wolle er seinem Publikum zurufen: Es gibt noch etwas anderes, hört nur ...
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Opernwelt August 2024
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Lotte Thaler
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