Unschuldig ist niemand
Kein Sympathieträger, nirgends. Nur empathielose, machtgeile Ausgeburten einer verkommenen englischen Adelsgesellschaft. Drei der fünf Protagonisten bleiben auf der Strecke: der namenlose König, sein Lover Gaveston und sein entmachteter Militärexperte Mortimer, der wiederum Gaveston ermorden lässt, bevor er selbst umgebracht wird. Über körperliche und seelische Gewalt erfährt man in George Benjamins Erfolgsoper von 2018 genug.
Wo aber bleibt die Liebe? Auch sie ist im Libretto von Martin Crimp nach Christopher Marlowes Schauspiel «Edward II» pervertierte Gewalt mit einem gehörigen Schuss Sadismus. Die homoerotische Beziehung des Königs steht für körperliche, seine Ehe mit Königin Isabel für seelische Grausamkeit.
Und doch liegt auch Liebe in der Luft des Ulmer Theaters: die Liebe zur Kunst, genauer zur Musik. Man kann sie als erfüllten Wunschtraum des Königs verstehen, der sich lieber mit Theater und Konzerten als mit seinen Regierungsgeschäften befasst. Man kann sie allerdings auch als ästhetischen Kontrapunkt des Komponisten begreifen, der mit Schönheit auf die quälende Bosheit auf der Bühne reagiert, als wolle er seinem Publikum zurufen: Es gibt noch etwas anderes, hört nur ...
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Opernwelt August 2024
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Lotte Thaler
Die Liebe hat viele tausend Farben – das gilt auch für Carl Heinrich Grauns Musik zur Oper «Adriano in Siria». Der Hofkapellmeister Friedrichs II. vertonte ein Libretto von Pietro Metastasio wie Dutzende vor und nach ihm. Rund 70 Versionen des Stoffes sind überliefert, die bekanntesten stammen von Johann Adolph Hasse und Giuseppe Scarlatti. Graun schwelgt in...
Aparte Idee: die Welt nicht als Buch oder philosophischer «Fall», sondern als Bauch, in ihrer Kugelgestalt würdig vertreten vor allem von einem Mann: Sir John Falstaff. Wuchtige zwei Yard misst sein Wanst, das muss genügen, um sich jeder Unbill couragiert entgegenzustellen oder, im Zweifelsfall, auch entgegenzuwerfen. Und wenn dann auch noch spanischer Sekt (wie...
Kurz vor drei ist die Welt an diesem Nachmittag auf der Eteläesplanadi noch in Ordnung. Der Himmel ein schwereloses Gemälde in Graublau, vom Hafen weht eine sanfte Brise herüber, und angenehm warm ist es auch: 23 Grad Celsius. Auf dem sandkörnigen Mittelstreifen herrscht reger Flaneur-Verkehr, und auch die wenigen Parkbänke vor der Espan Lava, einer Konzertbühne en...
