Sehnen und Wähnen
Im Königsbereich des Liedgesangs, dem Repertoire für Baritonstimme, herrscht kein Nachwuchsmangel. Andrè Schuen, Benjamin Appl, Konstantin Krimmel und Samuel Hasselhorn sind starke Stimmen– und die beiden Etablierten Christian Gerhaher und Matthias Goerne gehören noch lange nicht zum alten Eisen.
Samuel Hasselhorn, der nach seinem ersten Preis 2018 beim Concours Reine Elisabeth mit mehreren Einspielungen, darunter Schuberts «Schöner Müllerin», nachdrücklich auf sich aufmerksam machte, legt jetzt mit «Urlicht» eine CD mit deutschen Orchesterliedern des Fin de Siècle vor. Allein schon wegen des ungewöhnlichen Programms ragt die Aufnahme aus der Masse der Produktionen heraus.
Im Zentrum stehen vier der berühmtesten Lieder Gustav Mahlers – zwei aus seiner Sammlung mit Vertonungen aus «Des Knaben Wunderhorn» («Revelge», «Urlicht») und zwei aus den späten Rückert-Liedern: «Um Mitternacht» und «Ich bin der Welt abhanden gekommen». Hasselhorn konfrontiert sie mit drei Opernausschnitten ganz unterschiedlicher stilistischer Herkunft – aus Engelbert Humperdincks Märchenoper «Die Königskinder», aus Erich-Wolfgang Korngolds spätromantischer «Toter Stadt» und aus Alban Bergs «Wozzeck», mit dem in Deutschland die Opernmoderne begann. Abgerundet wird das Programm mit drei Raritäten von Hans Pfitzner, von Alexander Zemlinsky und Walter Braunfels.
Die stilistischen Gegensätze dieser teils im Banne Wagners stehenden, teils ihm ausweichenden oder ihn überwindenden Musik der Jahre um 1900 sind gewaltig – und nicht weniger gewaltig die sich nahezu widersprechenden Anforderungen, die sie an den Sänger stellen. Hasselhorn wird ihnen auf eindrucksvolle, ja überwältigende Weise gerecht. Mit seiner kraftvoll-voluminösen, dunkel timbrierten, farbenreichen, technisch glänzend geführten Stimme findet er für jeden Ausdruck, ja jede Nuance den richtigen Ton. Er singt ungemein textverständlich, gewichtet die Worte sorgfältig, trifft in den Balladen die dialogische Situation im Wechsel der Stimmen, weiß das Pathos zu dosieren und wird selbst im heftigsten Gefühlsausdruck niemals sentimental. Auf diese Weise sind selbst der Schlussgesang des Spielmanns aus den «Königskindern» und der Ohrwurm «Mein Sehnen, mein Wähnen» aus der «Toten Stadt», beides Musik aus zweiter Hand, erträglich. Schlicht großartig in der dramatischen Aufspaltung der unterschiedlichen Stimmen wie in der Unheimlichkeit der Stimmung agiert Hasselhorn in Pfitzners Ballade «Herr Oluf», in der der Wagner’sche Orchesterapparat das Vorbild von Schuberts «Erlkönig» gleichsam zum Musikdrama aufbläht und doch den Text nicht erschlägt. Ähnlich eindrucksvoll behauptet sich Zemlinskys Vertonung des Eichendorff-Gedichts «Der alte Garten» – ein berückendes, leicht morbides Nocturne, in dem Mahler nachklingt –, während Braunfels’ neoromantisches Hesse-Lied «Auf ein Soldatengrab» mit seinem opulenten Strauss-Ton zwar nicht interpretatorisch, aber kompositorisch doch ein wenig abfällt. Der gleichwohl nicht unproblematisch isolierte Ausschnitt mit der Ermordung Maries aus Bergs «Wozzeck» deutet immerhin an, zu welchen Leistungen der Opernsänger Hasselhorn fähig ist.
Wie meisterhaft, souverän, ja vollkommen der Sänger das Liedfach inzwischen beherrscht, zeigen die vier Mahler-Lieder. Hier stellt er sich einer schier unübersehbaren Konkurrenz und besteht im Vergleich glänzend. Hasselhorn erfüllt die ganze Spannweite des vokalen wie emotionalen Ausdrucks, von der schaurigen Vernichtungsvision der «Revelge» bis zur Auferstehungshoffnung des «Urlichts», vom Eingedenken wie der Transzendenz alles Irdischen in den beiden Rückert-Liedern – und das mit einer fesselnden Spannkraft des Tons noch im entrücktesten pianissimo. Das berührt und beglückt. Das Poznań Philharmonic Orchestra unter seinem Chefdirigenten Łukasz Borowicz begleitet auf Augenhöhe – mit einem inspirierten Spiel, das Mahlers genial reduzierten, weil aufs Diskreteste ausgehörten Orchesterklang wie ein wohlgeschneidertes Kleid um die Stimme legt.
URLICHT. SONGS OF DEATH AND RESURRECTION
Samuel Hasselhorn (Bariton), The Poznań Nightingales Boys‘ Choir, Poznań Philharmonic Orchestra, Łukasz Borowicz Harmonia Mundi HMM 902384 (CD); AD: 2023
VERLOSUNG Am 8. August um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser
CD-Box an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55.
Opernwelt August 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 29
von Uwe Schweikert
Selbst unter den Solitären der Operngeschichte ist Beethovens «Fidelio» ein einsames Werk geblieben. Mit den drei Fassungen (1805, 1806, 1814) nimmt es einen erratisch anmutenden Platz im Schaffen Beethovens ein und wird von der Forschung doch oder gerade deswegen vernachlässigt. So ist es ein Ereignis, wenn erstmals seit fast vierzig Jahren wieder eine Monographie über «Fidelio»...
Weltenerfinder
Er zählt, neben Wolfgang Rihm, Helmut Lachenmann und dem Mitte März verstorbenen Aribert Reimann, zur Crème de la Crème der bundesdeutschen (Opern)Komponisten. Werke wie «Orest», «La grande magia», «Eurydice ...» und «Septembersonate» sind Meilensteine des zeitgenössischen Musiktheaters. Ende Oktober wird Manfred Trojahn 75 Jahre alt. Anlass genug für eine Bilanz
Multitalen...
Wenn Frauen Opern über Frauen inszenieren, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie machen es ganz anders oder sie erfüllen ihren Dienst am Regietheater noch radikaler als ihre männlichen Kollegen. Lydia Steier gehört zu Letzteren. Schlaflose Nächte habe sie seit der Premiere ihrer Inszenierung von Strauss’ «Salome» im Oktober 2022 an der Opéra Bastille verbracht, weil sie fürchtete, tout...
