Unglück der Erinnerung
Der Held ist absent. Hat sich aus dem Staub gemacht, kurz bevor es ernst zu werden drohte. Nichts wird es nun mit der anberaumten Hochzeit zwischen ihm, Parsifals Sohn, und der edlen Jungfrau Elsa. Leer geräumt steht die Hochzeitsvilla, leer geräumt ist Elsas Seele. Und wie leer geräumt sind auch die Klänge, die durch die hohen Räume vagieren, ausgehöhlt, geräuschhaft und doch: insistierend. Klänge sind es, die aus dem Nichts zu kommen scheinen und eben dorthin auch wieder streben. Klänge, die vom Abschied erzählen und vom Irresein.
Es ist eine beklemmende Szenerie, die in der azione invisible per solista, strumenti e voci «Lohengrin» von Salvatore Sciarrino imaginiert wird. Fern jeder romantischen Verschwendungssucht, bewegt sich die Musik, 1982 komponiert und 1984 veröffentlicht, wie ein Schatten durch die Welt; ein sehr schmaler Schatten. «Lohengrin», das vielleicht spektakulärste Bühnenwerk Sciarrinos, verweigert sich einer epischen Erzählweise. Es ist radikale Reduktion, musikalisch wie szenisch. Das Sich-nicht-Ereignen ist das Programm dieses Anti-Musiktheaters, sein Kern, auf dieser Verweigerungshaltung fußt das dramaturgische Konzept: «Die Töne», so Sciarrino, «sind ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Diese Inszenierung ist ein Paradoxon: Sie aktualisiert, und zwar nachdrücklich – doch nicht, um die Handlung uns Zeitgenossen näher zu bringen und dadurch fasslicher zu machen. Ganz im Gegenteil: Es ist die erklärte Absicht des Regisseurs Dmitri Tcherniakov, die Titelfigur fremd, ihr Handeln unbegreiflich erscheinen zu lassen. Bei Schostakowitsch ist diese...
Mal installieren sie einen Prada-Shop in der texanischen Wüste, mal verfrachten sie ein Sprungbrett aus einem Schwimmbad in einen Wohnraum: Die international gefeierten Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset lieben es, alte Strukturen zu sprengen und neue Zusammenhänge zu stiften. Nach diesem Prinzip ging das dänisch-norwegische Duo auch bei der...
Die Welt ein Gedankengebäude. Ein Gespinst aus Ideen nur. Immer wieder fasziniert diese Idee, die Arthur Schopenhauer einst formulierte, als eine Möglichkeit, sich vor ihr als tatsächlichem Gegenstand zu schützen. Die Welt als Wille und Vorstellung, das ist mehr als nur ein Titel eines unzweifelhaft bedeutenden Werkes, das nicht zufällig eine der...
