Allmacht und Ohnmacht
Wäre ich allmächtig», sagt die Titelfigur in «Jakob Lenz», Wolfgang Rihms frühem Geniestreich, «ich könnte das Leiden nicht ertragen, ich würde retten, retten!» Er spricht uns aus der Seele, der arme Dichternarr. Wären wir allmächtig, wir würden die vielen tausend Toten in China nicht zulassen, auch nicht die Ungerechtigkeit der Welt, die Raffgier, die Aggression, nicht das brutale Erfolgsdenken jenseits von Gut und Böse, das etwa viele populäre Computerspiele uns vorexerzieren.
Solche Assoziationen drängen sich uns auf wie die zahllosen Plakate zu «Grand Theft Auto IV», an denen wir in den U-Bahn-Stationen auf dem Weg zum Wiener Museumsquartier, zur Aufführung von Rihms Oper bei den Wiener Festwochen, vorbeikommen. Wir erinnern uns, gelesen zu haben, dass von diesem Spiel gleich in der ersten Woche dreißig Millionen Exemplare verkauft wurden.
Es ist wohl die Illusion der Allmacht in Zeiten der Ohnmacht, hält der Spieler doch die Dramaturgie des Lebens in eigenen Händen. Jean Baudrillard hat festgestellt, dass organische und kybernetische Systeme identisch sind und dass bei entsprechender Vortäuschung der Wirklichkeit die bekannte Realität, weil nicht mehr von der Imagination ...
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