«Und lieblich brüllt das Ostervieh»

Prächtige Schimmel, bockige Esel, bellende Schweine, dumme Ziegen, flügellahme Adler: Tiere im Musiktheater

Die Zeitungen waren voll davon: «Nahezu offiziersmäßig», so staunte ein Rezensent, ritt im Salzburger «Rosenkavalier» Angelika Kirchschlager als Octavian auf einem «leibhaftigen Schimmel» zum zweiten Akt ein. Nun scheint es freilich nicht gar so überraschend, dass eine sportliche junge Sängerin keine Angst vor einem – vom Reitknecht am Zügel geführten – Pferd hat. Die Vorstellung allerdings, Octavian würde sich, nachdem er sechsspännig bei Faninals Stadtpalais vorgefahren ist, im Hof in den Sattel schwingen, um ins Vestibül zu reiten, ist schon ein bisschen grotesk.

Dennoch gab es Szenenapplaus – für die Reiterin, aber wohl auch für das Pferd.
Nichts ist so undankbar, wie neben Tieren oder Kindern auf der Bühne zu stehen, sagt eine alte Theaterweisheit. Ein Gedicht von Christian Morgenstern verrät, warum:

Ein Wildbret mußt’ allabendlich
auf einem Hoftheater sich
im Hauptakt auf das Stichwort «Schürzen»
von links aus der Kulisse stürzen.

Beim zwölften Male brach es aus
und rannte dem Souffleur ins Haus,
worauf es kurzweg – und sein Part –
von der Regie gestrichen ward. (...)

Tiere lassen sich dressieren, bleiben aber (wie Kinder) letztlich unberechenbar. Morgensterns Bock spielt Abend für ...

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Opernwelt Juli 2005
Rubrik: thema, Seite 32
von Albert Gier

Vergriffen
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