Und dann geht das Leben einfach vorüber
In einem für sein 19. Jahrhundert seltenen Durchblick auf die herrschenden patriarchalen Repressionsverhältnisse ließ Bellinis Librettist Felice Romani am Ende dieser von Shakespeare unabhängigen Romeo-und-Julia-Variante benennen, wer all dies Unglück schuf. Es ist Vater Capellio, der für den Tod seiner Tochter und ihres Geliebten Romeo verantwortlich ist, aus sturer Hartherzigkeit.
Tatjana Gürbaca lässt nun in ihrer Amsterdamer Deutung (bei der ihr Meisje Barbara Hummel helfend unter die Arme griff) Giulietta, erwacht aus dem nur temporären Todesschlaf, nicht nur nicht wieder gleich an Gift, Dolch oder gebrochenem Herzen sterben: Sie darf, ratlos ins Parkett schauend, weiterleben. Die anklagenden Finger dieser ziemlich heutig angezogenen Veroneser Gesellschaft zeigen diesmal, gegen den Text, auf den in der Tat zwielichtigen consigliere Lorenzo. Nicht dass dieser Vater, dem Jerzy Butryn mehr sonor-facettenreiche Noblesse schenkt, als das Rollenklischee vorsieht, keine Katastrophe wäre. Als er, viel zu spät, merkt, dass er seine Tochter so oder so verloren hat, reißt er in stiller Verzweiflung die Seiten aus dem Kinderbuch, aus dem er ihr einst vorgelesen hatte. Wir können das ...
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Opernwelt Februar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Holger Noltze
WARSCHAU: Il barbiere di Siviglia
Ach ja, die Liebe. Wo sie hörbar hinplumpst, bleibt sie liegen (nicht immer, aber meistens), und wer ihr verfallen ist, lässt sich auch durch rationale Argumente nicht mehr zur Vernunft bringen. Und wer wüsste das besser als Berta, Bartolos schon leicht angegraute Gouvernante, die das brummende Brunftgeräusch, wiewohl sie es seit...
Kakanien, versunkenes Riesenreich. Wie es war, wie es vielleicht noch sein könnte, wäre es nicht 1918 in den Ruhestand versetzt worden, darüber gibt uns Robert Musil, einer der größten Literaten des 20. Jahrhunderts, äußerst beredtblümerant (und mit dem inhärenten Subjektivismus des phantasiebegabten Schriftstellers) Auskunft: «So oft man in der Fremde an dieses...
Man staunt: Paul Abraham hat hier 1934 fast pures Frauentheater geschrieben. Nahezu alles, was die Handlung geschäftlich oder erotisch bewegt, wird in diesem sarkastischen Märchen von zarter und dennoch meist resoluter Hand gesteuert. Vielleicht haben der Komponist und seine Librettisten sich dabei im Umfeld beginnender antijüdischer Repressalien, von denen sie...
