Und dann geht das Leben einfach vorüber

Tatjana Gürbaca beweist in ihrer Amsterdamer Inszenierung von Bellinis «I Capuleti e i Montecchi», wie schmerzvoll Erinnerungen sein können

Opernwelt - Logo

In einem für sein 19. Jahrhundert seltenen Durchblick auf die herrschenden patriarchalen Repressionsverhältnisse ließ Bellinis Librettist Felice Romani am Ende dieser von Shakespeare unabhängigen Romeo-und-Julia-Variante benennen, wer all dies Unglück schuf. Es ist Vater Capellio, der für den Tod seiner Tochter und ihres Geliebten Romeo verantwortlich ist, aus sturer Hartherzigkeit.

Tatjana Gürbaca lässt nun in ihrer Amsterdamer Deutung (bei der ihr Meisje Barbara Hummel helfend unter die Arme griff) Giulietta, erwacht aus dem nur temporären Todesschlaf, nicht nur nicht wieder gleich an Gift, Dolch oder gebrochenem Herzen sterben: Sie darf, ratlos ins Parkett schauend, weiterleben. Die anklagenden Finger dieser ziemlich heutig angezogenen Veroneser Gesellschaft zeigen diesmal, gegen den Text, auf den in der Tat zwielichtigen consigliere Lorenzo. Nicht dass dieser Vater, dem Jerzy Butryn mehr sonor-facettenreiche Noblesse schenkt, als das Rollenklischee vorsieht, keine Katastrophe wäre. Als er, viel zu spät, merkt, dass er seine Tochter so oder so verloren hat, reißt er in stiller Verzweiflung die Seiten aus dem Kinderbuch, aus dem er ihr einst vorgelesen hatte. Wir können das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Holger Noltze

Weitere Beiträge
Kunst und Begehren

Ich formte sie, ich bildete sie, ich löste ihr die Seele und Zunge […] sie war mein Geschöpf», das stammelt der unter Mordverdacht stehende Gesangslehrer Maestro Salvatore in der frenetischen Gerichtsszene ohne Richter, mit der unvermittelt Peter Ronnefelds Oper «Die Ameise» beginnt. Das Publikum, staccato im respondierenden Doppelchor, führt sich als die...

Die eine Farbe Rot

Ist es möglich, denkbar, fühlbar? Eine Liebe, so glühend und intensiv, so weitreichend und existenziell, dass die Dichterin sie mit einer Farbe vergleicht, die es eigentlich gar nicht gibt? Wohl nur die (deutsche) Romantik vermochte solche Extreme zu formulieren, in ihrer Sehnsucht nach dem Unendlichen. Karoline von Günderode, die Frühvollendete (gerade mal 26...

Ein bedeutender Augenblick

Ein Bild und seine Geschichte – mit diesem Untertitel hat der Verlag Schirmer/Mosel eine Reihe von schmalen Bändchen versehen, in dem ikonische Momente der Zeitgeschichte, Kunstwerke mit außerordentlichem Subund/oder Kontext vorgestellt werden. Dazu gehören bislang etwa die von Barbara Klemm festgehaltene Öffnung des Brandenburger Tors in Berlin am 22. Dezember...