Und dann geht das Leben einfach vorüber
In einem für sein 19. Jahrhundert seltenen Durchblick auf die herrschenden patriarchalen Repressionsverhältnisse ließ Bellinis Librettist Felice Romani am Ende dieser von Shakespeare unabhängigen Romeo-und-Julia-Variante benennen, wer all dies Unglück schuf. Es ist Vater Capellio, der für den Tod seiner Tochter und ihres Geliebten Romeo verantwortlich ist, aus sturer Hartherzigkeit.
Tatjana Gürbaca lässt nun in ihrer Amsterdamer Deutung (bei der ihr Meisje Barbara Hummel helfend unter die Arme griff) Giulietta, erwacht aus dem nur temporären Todesschlaf, nicht nur nicht wieder gleich an Gift, Dolch oder gebrochenem Herzen sterben: Sie darf, ratlos ins Parkett schauend, weiterleben. Die anklagenden Finger dieser ziemlich heutig angezogenen Veroneser Gesellschaft zeigen diesmal, gegen den Text, auf den in der Tat zwielichtigen consigliere Lorenzo. Nicht dass dieser Vater, dem Jerzy Butryn mehr sonor-facettenreiche Noblesse schenkt, als das Rollenklischee vorsieht, keine Katastrophe wäre. Als er, viel zu spät, merkt, dass er seine Tochter so oder so verloren hat, reißt er in stiller Verzweiflung die Seiten aus dem Kinderbuch, aus dem er ihr einst vorgelesen hatte. Wir können das ...
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Opernwelt Februar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Holger Noltze
Christoph Willibald Glucks «Orfeo» ist auf den Opernbühnen selten zu erleben – erstaunlich genug, wo sich doch die Wirkmacht dieser ersten großen Reformoper aus Glucks Wiener Zeit bis heute erhalten hat. Zugunsten des durchkomponierten Dramas, in dem nichts die Handlung aufhalten durfte, hatte sich der Komponist von der Nummernoper mit ihrem starren Schema aus...
Wenn Gennaro und seine Kumpels beim Fest im Palast der Fürstin Negroni ausgelassen dem Madeira zusprechen, tänzelt die Musik triolisch federnd und in ausgelassenem C-Dur. Das sollte zumindest so sein im zweiten Akt von Donizettis Melodramma «Lucrezia Borgia». In der akustisch mehr als befriedigenden Ausweichspielstätte OPAL des Nationaltheaters Mannheim scheint dem...
Ist es möglich, denkbar, fühlbar? Eine Liebe, so glühend und intensiv, so weitreichend und existenziell, dass die Dichterin sie mit einer Farbe vergleicht, die es eigentlich gar nicht gibt? Wohl nur die (deutsche) Romantik vermochte solche Extreme zu formulieren, in ihrer Sehnsucht nach dem Unendlichen. Karoline von Günderode, die Frühvollendete (gerade mal 26...
