Unaufwändig intensiv
John Dews mutiger Versuch, Gustave Charpentiers einst ungeheuer erfolgreiche «Louise» von 1900 zusammen mit ihrer (dramaturgisch und harmonisch) ungleich moderneren Fortsetzung «Julien» (1913) am Dortmunder Theater neu zu entdecken, blieb vor acht Jahren ein Einzelfall – die Vorlieben unserer Ahnen sind eben nur bedingt zu revitalisieren. Im Fall der «Louise» ist es vor allem das von Charpentier selbst gezimmerte Libretto, das dem kritischen Blick der Moderne nicht mehr standhält.
Zwar wurde erstmals der Naturalismus eines Émile Zola konsequent auf die Opernbühne versetzt und das Milieu der sozial Unterprivilegierten (aus dem Charpentier selbst stammte) im Paris seiner Gegenwart abgebildet. Doch alle Figuren singen im «großbürgerlichen» Idiom von Charpentiers Lehrer Massenet und werden vom reich besetzten Orchester in einen parfümierten, mit Erinnerungsmotiven angereicherten Klang gebettet, dass dem «Milieu» letztlich der eigene Ton versagt bleibt. Im Übrigen wirkt die Geschichte um die Emanzipation der Näherin Louise aus den Fängen ihrer Familie durch die Liebe zum Dichter Julien bei den Figuren – zumal des Vaters, eines patriarchalischen Monsters – derart klischeehaft ...
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