Un grande dolore
Am Ende ist alles nur noch musikalisches Zitat, Erinnerung. Und: totale Tristesse. Regungslos sitzt Mimì auf jenem Stuhl, der zuvor als Platz für Marcellos Aktmodelle diente, hockt da wie eine Statue. Die aber singt, und das wunderschön und zugleich höchst traurig.
«Sono andati», das berühmte Schlusslamento, gerinnt in Nadja Mchantafs Diktion zu einem Bild verblühter Hoffnungen; es beginnt ja noch in heiligem Des-Dur, wandelt dann aber in Holzbläsern, Hörnern, begleitet von leisen Beckenschlägen, in jene unheilsame h-Moll-Sphäre, die auch den Tod Mario Cavaradossis und Cio-Cio Sans umgibt. «Un grande dolore in piccole anime»: ein großer Schmerz in kleinen Seelen. So wollte es Puccini, so spielt es das famose, von Jordan de Souza detailfreudig und mit gutem Gespür für all die klanglichen Valeurs der Partitur dirigierte Orchester der Komischen Oper Berlin, so singt es diese Mimì. Und so inszeniert es Barrie Kosky. Ohne doppelten Boden. Texttreu.
Es ist ja grundsätzlich zu fragen, ob ein modernes Regiekonzept überhaupt für diese Oper taugt. Zu vieles ist festgelegt, der Ort, die Zeit, die Attitüde, das historische Ambiente. Das Werk etwa in die Sphäre der digitalen Bohème zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2019
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Jürgen Otten
Anfang der 1890er-Jahre, als Mascagnis Überraschungs-Hit «Cavalleria rusticana» eine Verismo-Welle auslöste, auf der bald viele junge Tonsetzer erfolgreich mitschwammen, mag sich Jules Massenet in Paris gedacht haben: Na wartet, Bürschchen, euch zeige ich, wer der Meister aller Klassen ist! Und er hatte auch schon eine Interpretin zur Hand, die seinen Beitrag zur...
Im Foyer hängen Girlanden schimmernder Metallornamente von der Decke. Was sich da kokett in jedem Luftzug dreht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als Mobile des Tragischen: Man entdeckt Pistolen, gefrorene Tränen, Schusswunden. Nick Caves Installation «Until», 2016 bei Koproduktionspartner Massachussets Museum of Contemporary Art herausgekommen, ist als Denkmal...
Nein, diese Senta träumt nicht. Diese Senta ist ein Trotzkopf, stets im Hier und Jetzt. Ein Wimmelkind, das sich nicht bändigen lässt, weil es seinen eigenen Willen hat und den, zur Not wider jede Vernunft, durchsetzt. Schon als kleines Mädchen. Kaum ist der erste Sturm durch die Ouvertüre gebraust, kaum strömt das tannhäuserhafte F-Dur-Andante mit dem...
