Über den Dächern von Paris
Die Riesenbühne der Pariser Bastille-Oper lädt zu großen Bildvisionen ein. Warum nur, wie’s im Textbuch steht, eine enge nächtliche Straße mit schäbiger Taverne im Hintergrund, wenn man sich gleichsam das ganze Paris in Form einer Landschaft aus Dächern, Kaminen, hohen Mietskasernen im Hintergrund und unter einem nachthellen Himmel auf die Szene zaubern kann? Nicky Rietis bildnerische Fantasie schwelgt in Filmerinnerungen.
Im Krimikino spielten die Dächer von Paris oder Nizza oder Marseille schon oft die Hauptrolle, warum also nicht auch zur Abwechslung einmal in der Oper, besonders wenn es sich um einen Krimi handelt wie bei Hindemiths «Cardillac»? Das Pariser Publikum, das die neue Inszenierung förmlich stürmte, war von der Optik der Aufführung entzückt. Wer wollte da mäkelig sein und das mühsame Herumstolpern der Akteure auf dem zerklüfteten «Dach»-Boden bemerken? Die meisten solcher effektmachenden Bildeinfälle behindern eher das Spiel, als es zu befördern. Der Versuch des Goldschmieds Cardillac, den Offizier, der ihm seine Kette abgekauft hatte, zu erstechen, scheiterte nicht nur an der Reaktionsschnelligkeit des trainierten Kämpfers, sondern auch an den vielen Luken, ...
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Musikalisch würde Münsters neuer «Otello» jedem größeren Theater zur Ehre gereichen. Lance Ryan überzeugte bei seinem Deutschland-Debüt mit schlanker, hell timbrierter Stimme, die auch in den gefürchteten exponierten Höhen der Titelpartie über die nötige heldische Durchschlagskraft verfügt. Nur die Deklamatopassagen – etwa beim physischen Zusammenbruch Otellos im...
