Unterkühlte Sinnlichkeit

Genf, Wagner: Tannhäuser

Opernwelt - Logo

Die Regel scheint sich immer mehr zu bewahrheiten: Wenn Olivier Py im Genfer Grand Théâtre inszeniert, ist Provokation vorprogrammiert. Bereits die Kreuzigungsszene in «Damnation de Faust» hatte im Publikum heftigen Protest entfacht. Im Fall des neuen «Tannhäuser» bahnte sich gar, wollte man einigen Medien Glauben schenken, ein handfester Skandal an. Py hatte für die große Venusbergszene der Pariser Fassung einen Pornostar engagiert, der in Frankreich unter dem Kürzel HPG zu großer Berühmtheit gelangt sein soll.

Najaden, Satyrn und Bacchantinnen lässt Py mit viel nackter Haut in überaus künstlichen Choreografien Wagners wort­reich beschriebene Lustspiele vorturnen, während Mon­sieur HPG als Zeus in Stiergestalt mit erigiertem ­Penis Europa entführt. Ein Skandal hat sich nicht ereignet, und am Ende war die scheinbar so provoka­tive Episode längst vergessen, zu nachhaltig war die musikalische Interpretation, zu exzellent die Besetzung.
Vor allem aber blieb die Venusberg-Szene erstaunlich unterkühlt – was ohne Zweifel zum Konzept der Inszenierung gehört. Olivier Py und Pierre-André Weitz operierten erneut (wie 2004 im «Tristan») mit viel Dunkel, in dem nur aus Neonröhren etwas Licht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2005
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Hanspeter Renggli

Vergriffen
Weitere Beiträge
Tschaikowsky: Eugen Onegin

Onegin trägt seine Sinnsuche in den Zuschauerraum, auf einen um den Orches­tergraben gelegten Laufsteg. Sechsundzwanzig sei er, singt er gegen die Säule einer Parterreloge gelehnt, und das Nichtstun kotze ihn an. Ein Besucher in jener Loge fühlt sich angesprochen und zieht sich zurück ins Dunkel. Unangenehm betroffen. Nicht Onegins Schicksals wegen, sondern weil er...

Finaler Rettungsschuss

«Guillaume Tell» gehört zu den Schlüsselwerken der Operngeschichte des 19. Jahrhunderts. Rossini hat mit diesem 1829 für Paris komponierten Werk den entscheidenden Schritt über Spontini und Auber hinaus zu jenem Gesamtkunstwerk aus Wort, Musik, Tanz und Szene getan, das dann als Grand Opéra Schule machen sollte. Das von Rossini selbst entscheidend beeinflusste...

Nicht nur Segelschiffe vor Vollmond

Gleich am ersten Abend gibt es ein ­farbiges, lebendiges Kontrastprogramm: Nach dem «Don Quixote» von Richard Strauss, einigen abenteuerlich ineinanderfließenden Szenen aus dem «Rosenkavalier», mit dem die Finnische National­oper Helsinki in der Turun Kon­sert­-titalo gastiert (Ritva-Liisa Korhonen singt die Marschallin, Lilli Paasikivi ist Oktavian, und Tiina...