Tyrann mit Schwein
Wie verführbar ist ein Volk? Eine brisante, eine hochpolitische Frage – zu allen Zeiten und gerade auch in unserer unmittelbaren Gegenwart. Frank Hilbrich versucht, sie in seiner «Lohengrin»-Inszenierung zu beantworten. Und so liest sich seine Geschichte: Brabant – der Name ist austauschbar – steht politisch und gesellschaftlich am Abgrund. Das zeigt sich am Prozess gegen Elsa, Tochter des verstor -benen Herzogs, die ihren Bruder Gottfried, den Thronfolger, ermordet haben soll. Das Gericht erstickt in Akten, man weiß sich keinen anderen Ausweg als ein ominöses Gottesgericht.
Da erscheint ein Fremder, eine Art vagabundierender Naivling mit merkwürdig legeren Umgangsformen, und ergreift die Gelegenheit, sich zum Retter Elsas und auch des Volkes zu stilisieren. Willig und ohne sein Wesen und seine Herkunft zu hinterfragen, folgt man ihm, selbst als er seinen Untergebenen die Daumenschrauben anlegt und allmählich zum demagogischen Tyrannen wird. Erst als Elsa das tut, was ihr und dem Volk von diesem merkwürdigen, selbsternannten Herrscher verboten wurde, als sie ihm nämlich die selbstverständliche Frage stellt, wer er denn eigentlich sei, bricht das Konstrukt zusammen. Brabant – der ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Gerhart Asche
Die Frage ist nicht neu, aber von zeitloser Dringlichkeit: «Wer sind wir, was ist unser Zweck, und was bleibt von uns nach unserem Tod?» Huw Montague Rendall zögert nicht lange und liefert im Booklet seines Albums mit dem schönen Titel «Contemplation» gleich die demütige Antwort mit: «Wir sind nichts als Sternenstaub. Wesen kosmischen Ursprungs, schwebend in der...
Einen «märkischen Hamlet» nannte Hans Werner Henze den Prinzen Friedrich von Homburg und fasste damit auf seine Weise den ganz eigentümlichen Charakter von Kleists Bühnenfigur zusammen: sensibel bis an die Grenze zur Lebensuntauglichkeit, umgeben aber von einem Preußentum, das nach absolut verlässlicher Funktion verlangt. Ein Träumer und Empfindsamer ist dieser...
Gespräch in einem Bayreuther Wirtsgarten. «Der wos do singt, der führt aa Regie», weiß eine schon betagte Dame, die sich zu einem ungefähr gleichaltrigen Paar an einen Tisch gesellt hat. Tiefen Eindruck erzielt sie mit der Aussage nicht. Die Dame ihr gegenüber schweigt, der Herr erwidert in lakonischem Bayreuther Dialekt: «Dees is mir worschd, mich wer’n die doo...
