Tupfer im Wind
Leise rieselt der Schnee. Will gar nicht mehr aufhören zu rieseln, rieselt zu Boden und herab auch auf Mimì, die aus grauer Gasse heraus zum Rampenlichte strebt, viel zu leicht bekleidet für eine junge, schwindsüchtige Frau, die am Missverständnis leidet, das die Liebe zuweilen erzeugt.
Das Haupt mit Schnipseln bedeckt, schleicht sie zur Hausecke, lauscht der Unterhaltung zwischen Rodolfo und Marcello, sucht dann, erst mit dem einen, dann mit dem anderen, das Dilemma zu ergründen, welches sich ihrer bemächtigt hat, und stimmt schließlich, lento molto, dieses unglaublich traurige Des-Dur-Arioso an: «Donde lieta uscì al tuo grido d’amore».
Was Mimì in diesem Augenblick der Not höchstens ahnt: Es ist ihr eigenes Ende, das in der Partitur aufscheint. Später, am Ende der Oper, nachdem sie tatsächlich einen h-Moll-Tod gestorben ist, vernehmen wir die gleiche heilige Tonart, klingende Metapher der Verklärung. Puccini hat sie bewusst gewählt; er, der Meister der letzten Momente (der vielleicht auch deswegen seine letzte Oper «Turandot» unvollendet ließ: weil er nach dem Tode Liùs nicht mehr weiter wusste, weil es ihm immer um den «grande dolore in piccole anime» ging). Und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Er kam, dirigierte – und siegte. 22 Jahre jung war der Sohn eines Schusters aus dem nordfranzösischen Waziers, als er 1946 sein Debüt an der Opéra de Marseille gab, mit Lalos «Le Roi d’Ys». Ein König wurde Georges Prêtre dann selbst, doch nicht als Komponist, wie ursprünglich erträumt, sondern als Dirigent. Von Marseille führte ihn der Weg an die Pariser...
Wie der Vater, so der Sohn? Beim Stimmfach mag der Spruch seine Richtigkeit haben. Dass aber Julian und Christoph Prégardien im Charakter erheblich differieren, räumen sie selbst ein. Hier der Vater, ein hintergründiger Denker, dort der offensiv gelaunte Sohn – bis in ihre jeweiligen Vorhaben hinein setzt sich dieser feine Unterschied fort. Ohnehin ist Julian...
Von Giovanni Paisiellos fast einhundert Opern hat nur die Buffa «Il barbiere di Siviglia» auf einem Nischenplatz überlebt. Catania hat im Januar 2016 die späte, 1788 für Neapel geschriebene Seria «Fedra» ausgegraben. Ein Mitschnitt ist bei dem auf Raritäten spezialisierten italienischen Label Dynamic erschienen. Es handelt sich aber keinesfalls, wie das...
