Treffen sich zwei Königinnen

Die Festspiele in Bergen feiern 70. Geburtstag und haben unerwartet einen neuen Intendanten

Nachtblauvioletter Stoff blitzt rechts in der Seitengasse, und bevor die Trägerin des dazugehörigen Kleides gänzlich auf der Bühne der Grieghalle erscheint, bricht frenetischer Jubel aus, der mehr ist als ein Willkommensgruß für Lise Davidsen (und Leif Ove Andsnes, ihren Partner am Klavier). Es ist eine Demonstration nationalen Stolzes, bevor ein Ton Musik erklungen ist. Jeder der 1600 Plätze ist besetzt – und das bei einem Liederabend. Zwei Musiker von Weltrang präsentiert das nach Fläche große, gemessen an der Bevölkerung, knapp 5,4 Millionen, kleine Norwegen.

Da gischt das nordische Temperament immer wieder auf nach Liedern von Grieg, Richard Strauss und Wagner. Im Mittelpunkt der Ovationen steht die hochgewachsene Sängerin, auch wenn sie den Beifall immer wieder auf Andsnes lenkt. Ihren mächtigen Sopran hat Davidsen besser als früher im Griff, berückend ihr piano. Und wenn sie in den Wesendonck-Liedern in der Mittellage Bögen auf Bögen setzt, ohne atmen zu müssen, dann gleicht das einem breiten, perlmuttfarbenen Strom. Ihre Diktion ist leicht verschleiert, was hier wenig stört, denn sie transformiert den Gestus des Textes in rein musikalische Affekte, Verzögerungen, rasche ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 8 2022
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Götz Thieme

Weitere Beiträge
Schmerzenskind

Dieser Märzabend des Jahres 1864 stand wahrlich unter keinem günstigen Stern: Die Uraufführung von Charles Gounods Oper «Mireille» im Pariser Théâtre-Lyrique fiel durch. Angekreidet wurde dem Komponisten und seinem Textdichter Michel Carré insbesondere, dass das (auf Frédéric Mistrals provenzalisches Poem «Mirèio» zurückgehende) Sujet fürchterlich abgeschmackt sei;...

Und es quietschten die Sandalen

Verdis «Aida» ist nicht ganz leicht zu inszenieren: ein sehr lautes Werk, mit vielen Chören und viel Kampfgeschrei, gerade zu Beginn. Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović lässt den fulminanten Chor des Badischen Staatstheaters Karlsruhe inszenatorisch völlig kritikfrei sein «Guerra! Guerra! Tremenda, inesorata!» brüllen. Befinden wir uns nicht in Kriegszeiten? Warum...

Kein großes (Opern)Kino

Erklingt in diesen Tagen auf einer Opernbühne der «Patria-oppressa!»-Chor aus Giuseppe Verdis «Macbeth», dann «inszeniert» ein Diktator wie Wladimir Putin mit, ganz gleich, was dabei zu sehen ist. Verstärkt wird dieser unangenehme Eindruck noch, wenn, wie zu Sommerbeginn am Theater Freiburg, ein ukrainischer Regisseur das Stück zu deuten versucht. Andriy Zholdak...