Treffen sich zwei Königinnen
Nachtblauvioletter Stoff blitzt rechts in der Seitengasse, und bevor die Trägerin des dazugehörigen Kleides gänzlich auf der Bühne der Grieghalle erscheint, bricht frenetischer Jubel aus, der mehr ist als ein Willkommensgruß für Lise Davidsen (und Leif Ove Andsnes, ihren Partner am Klavier). Es ist eine Demonstration nationalen Stolzes, bevor ein Ton Musik erklungen ist. Jeder der 1600 Plätze ist besetzt – und das bei einem Liederabend. Zwei Musiker von Weltrang präsentiert das nach Fläche große, gemessen an der Bevölkerung, knapp 5,4 Millionen, kleine Norwegen.
Da gischt das nordische Temperament immer wieder auf nach Liedern von Grieg, Richard Strauss und Wagner. Im Mittelpunkt der Ovationen steht die hochgewachsene Sängerin, auch wenn sie den Beifall immer wieder auf Andsnes lenkt. Ihren mächtigen Sopran hat Davidsen besser als früher im Griff, berückend ihr piano. Und wenn sie in den Wesendonck-Liedern in der Mittellage Bögen auf Bögen setzt, ohne atmen zu müssen, dann gleicht das einem breiten, perlmuttfarbenen Strom. Ihre Diktion ist leicht verschleiert, was hier wenig stört, denn sie transformiert den Gestus des Textes in rein musikalische Affekte, Verzögerungen, rasche ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Götz Thieme
Allein der erste Satz: zauberhaft. Lakonisch, poetisch, direkt. «Da ist er.» Und dann sein Name. «Herr Harald». Herr Harald hat keinen Nachnamen, aber eigentlich hat er auch keinen Vornamen. Er ist eben – «Herr Harald». Er selbst nennt sich einen Opernliebhaber, aber das ist ein wenig untertrieben, weil Herr Harald von der Musik, die er hört, doch mehr versteht,...
Bereits seit 2005 nimmt das «Morgenland Festival» in Osnabrück alljährlich die Musikkultur des Vorderen Orients in den Blick und weitet die Perspektive von traditioneller Musik bis zu Avantgarde, Rock und Jazz. Höhepunkt der aktuellen Ausgabe ist ein spartenübergreifendes Projekt in Koproduktion mit dem Theater Osnabrück: «Songs for Days to Come» des aus Syrien...
Endlich entdeckt man flächendeckend die Musik von Komponistinnen! Komponistinnen komponierten im Laufe der Jahrhunderte (wenn überhaupt) aus bestimmten sozialen Milieus und Umständen heraus: vor dem 16. Jahrhundert fast gar nicht, im 17. und frühen 18. Jahrhundert als Nonnen musikbeflissener Klöster, im späteren 18. Jahrhundert als Adelige (oder Adel-Assoziierte),...
