Treffen sich zwei Königinnen

Die Festspiele in Bergen feiern 70. Geburtstag und haben unerwartet einen neuen Intendanten

Opernwelt - Logo

Nachtblauvioletter Stoff blitzt rechts in der Seitengasse, und bevor die Trägerin des dazugehörigen Kleides gänzlich auf der Bühne der Grieghalle erscheint, bricht frenetischer Jubel aus, der mehr ist als ein Willkommensgruß für Lise Davidsen (und Leif Ove Andsnes, ihren Partner am Klavier). Es ist eine Demonstration nationalen Stolzes, bevor ein Ton Musik erklungen ist. Jeder der 1600 Plätze ist besetzt – und das bei einem Liederabend. Zwei Musiker von Weltrang präsentiert das nach Fläche große, gemessen an der Bevölkerung, knapp 5,4 Millionen, kleine Norwegen.

Da gischt das nordische Temperament immer wieder auf nach Liedern von Grieg, Richard Strauss und Wagner. Im Mittelpunkt der Ovationen steht die hochgewachsene Sängerin, auch wenn sie den Beifall immer wieder auf Andsnes lenkt. Ihren mächtigen Sopran hat Davidsen besser als früher im Griff, berückend ihr piano. Und wenn sie in den Wesendonck-Liedern in der Mittellage Bögen auf Bögen setzt, ohne atmen zu müssen, dann gleicht das einem breiten, perlmuttfarbenen Strom. Ihre Diktion ist leicht verschleiert, was hier wenig stört, denn sie transformiert den Gestus des Textes in rein musikalische Affekte, Verzögerungen, rasche ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 8 2022
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Götz Thieme

Weitere Beiträge
Störungsfrei

Inzwischen kann man die «Turandot» ruhig die «Königin der Opern» nennen. Ein Wohlfühlevent, auf das sich alle einigen können; das Stück, mit dem man bei der Jugend am ehesten frische Begeisterung fürs Genre erzeugt, eine Art Lunapark, mit einer nie unterbrochenen Ohrwurmdichte, die es auch Anfängern ermöglicht, die wichtigsten Melodien und Motive der Partitur...

Anleitung zum Selbstsein

Ein junger Mann imaginiert sich die Welt – seine Welt; mit der kalten Realität da draußen hat sie nur wenig gemein. Dafür schilt ihn seine Mutter einen Lügner. Dabei hat doch gerade sie ihm als Kind all jene Märchen erzählt, die seine Fantasie so sehr beflügelt haben. Ja, ein Kind ist dieser Mann geblieben, als viril attraktives «Big Baby» stapft er noch immer...

Blümchenbunt und grottendüster

Hochzeitsglocken in der Wiener Staatsoper! Das heißt, genau genommen ist weniger Geläut zu vernehmen als vielmehr die Mutter aller Ouvertüren – diese allerdings schon beim Eintreffen des Publikums und aus diversen Richtungen. Blech und Trommeln schmettern und knattern die «Toccata» von der Hauptstiege herab: jene Gonzaga-Fanfare, geschaffen für den Herzog von...