Trauma, Trance und Terror
Es muss Außergewöhnliches, ja, Einzigartiges anstehen, wenn ein Komponist mitten im Stück nicht nur Tonund Taktart wechselt, sondern dazu noch drei Fermaten und direkt davor ein morendo notiert. Still also muss es sein, nein: sterbensstill, bevor Fritz, der Pierrot, sein Loreley-Lied «Mein Sehnen, mein Wähnen» anstimmt, in geheiligtem Des-Dur und süß-sahnigstem pianissimo.
Eine Hommage von unerhörter Schönheit ist’s oder, wie es in der Partitur zu Erich Wolfgang Korngolds Oper «Die tote Stadt» heißt, eine «langsame sentimentale Tanzweise» im wiegenden Dreivierteltakt. Wenn man so will auch eine Reise in die Nichtvergangenheit, ins nahe wie ferne Utopia, dorthin, wo die Liebe noch lohnt, wo sie zugleich an das Schlussduett zwischen Sophie und Octavian aus dem «Rosenkavalier» von Strauss gemahnt: «Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein».
Regisseur Dorian Dreher nimmt der Romanze in Weimar nicht nur ihren zarten Zauber, weil er sie ins Burleske überführt, er versteht auch die Hofmannsthal’sche Sentenz wörtlich. Anders gesagt: Dreher glaubt der Geschichte, so, wie sie geschrieben steht, einfach nicht. Der Pierrot Fritz ist bei ihm, auch als «Freund» Frank, ein lüsterner Pfaffe, der ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Jürgen Otten
Der Etat gäbe es her. Kelch, Speer, etwas rote Farbe für die Wunde, all das könnte sich das Landestheater Niederbayern schon leisten – auch wenn man naturgemäß klamm ist. Allein: Nichts davon ist zu sehen in diesem «Parsifal». Als Amfortas am Altar steht und das verdeckende Tuch wegzieht, ist da: nichts. So entzückt die Ritter auch die Leerstelle betrachten und ihr...
Nur in den ersten paar Vorspieltakten hat die gute Seel’ noch Ruh’; danach hebt im Innern der gotischen Ruine lebhaftes Pilger- und Touristentreiben an, und von diesem Punkt an wird Wagners Musikdrama, eigentlich eines der am bedächtigsten atmenden der Bühnengeschichte, konsequent zerzappelt und zerdaddelt. «Sankt Parsifal» soll die zerbröckelnde Abtei laut...
Willkommen auf Schloss Almaviva!» So flimmert es flammend über den Videoscreen auf einer Wand mit bröckelndem Putz. Wir sind in einem andalusischen Museum, das schon bessere Tage gesehen hat. Konferenzstühle werden hereingeschleppt, man will einem Vortrag über alte Sitten und Gebräuche im einstigen Schloss lauschen. Noch während der Ouvertüre werden die in einer...
