Tradition und Revolution

Forum | Seit fünfzig Jahren ist «Opernwelt» ein Podium für Disput. Theatermacher und Kritiker, Künstler und Manager haben sich immer wieder zu Wort gemeldet, durch Essays, im Interview, oder auch, wie beim folgenden Text, im Streitgespräch. Als Pierre Boulez einst forderte, man solle die Opernhäuser in die Luft sprengen, war Rolf Liebermann von der Hamburgischen Staatsoper der am schärfsten angegriffene Intendant. «Opernwelt» druckte in der Februar-Nummer des Jahres 1968 eine Auseinandersetzung der beiden Kontrahenten.

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Liebermann: Sie greifen die Opernhäuser an und meinen die Autoren. Die Tatsache, daß die Komponisten Ihrer Ansicht nach keine Werke geschrieben haben, die die Musik weiterbringen oder bedeutungsvoll sind, heißt doch nicht, daß deswegen die Opernhäuser in die Luft gesprengt werden müßten. Die Komponisten sollten dann eher dran glauben; denn die Opernhäuser können ja nur spielen, was produziert wird. Sie können nichts dafür, wenn das, was geschrieben wird, von Ihrem Standpunkt aus, wie Sie sich im «Spiegel»-Interview ja so anschaulich ausgedrückt haben, Scheiße ist.

Das ist aber nicht unser Problem. Unser Problem ist, soweit wir verantwortlich handeln, allen die Chance zu geben, sich auszuprobieren, sich zu kontrollieren, eigene Werke realisiert zu ­sehen. Wenn wir uns aber in die Luft sprengen lassen, dann haben wir auch die Chance vergeben, daß eines Tages der neue «Wozzeck» geschrieben wird, von dem Sie sprechen.

Boulez: Ich glaube also, Sie verwechseln das Produktionsproblem, das ein rein finanzielles und eines der Aufführung ist, mit dem der Komposition. Man muß sich darüber im klaren sein, daß das zwei verschiedene Dinge sind. Die Opernwelt ist vielleicht mit der Ballettwelt die ...

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Opernwelt Jahrbuch 2010
Rubrik: 50 Jahre «Opernwelt», Seite 106
von Pierre Boulez, Rolf Liebermann

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