Aushalten, Haushalten, Durchhalten

Es war ein Abschied, wie ihn kein Regisseur besser hätte inszenieren können: eine Gala, die sechs Stunden dauert und an vierzig Premieren erinnert; als letzte Vorstellung dann dasselbe Stück wie zu Beginn der Ära; Memoirenband, Sonderbriefmarke, Sonderpublikationen, Sondertorte, TV-Serie, natürlich auch Reden, Ehrungen, Schluchzer.... Ja, Ioan Holender weiß, wie man sich und seine Arbeit in Szene setzt. Neunzehn Jahre regierte der gebürtige Rumäne an der Wiener Staatsoper, länger als jeder Direktor vor ihm. Vieles, was in diesen Jahren dort passierte, war so nur in Wien möglich. Im «Opernwelt»-Gespräch blickt Holender zurück auf seinen Umgang mit Sängern, Regisseuren und dem Staatsopernorchester, auf seine Art zu sparen und auf die Rolle des Opernballs. Natürlich haben wir seine Nachfolger gefragt, was sie anders und besser machen wollen: Dominique Meyer und Franz Welser-Möst geben Auskunft. Dazwischen ein Kommentar zur ambivalenten Gemengelage von Holenders Direktionszeit.

 

Herr Holender, Sie haben einmal gesagt, Operndirektor sei kein Beruf, sondern eine Situation, in die man gerät. Ist ein Operndirektor jemand, der nicht weiß, welchen Beruf er verfehlt hat?
In gewissem Sinn schon. Denn man kann diesen Beruf nirgends lernen. Wer wird denn Operndirektor? Da sind einmal die Sänger am Ende einer Karriere, weil sie sich auskennen im Theaterbetrieb. Aber gelernt haben sie das Singen – und nicht, wie man so einen Betrieb führt. Dann sind es berühmte Dirigenten, was hier in Wien lange Zeit Gültigkeit hatte, denken Sie an Mahler, Böhm, Karajan, Maazel.

Aber auch sie haben in erster Linie gelernt, zu dirigieren und nicht ein Haus zu führen. Komponisten wurden ebenfalls herangezogen, und – was beinahe das Schlimmste ist – Regisseure, die dann viel am eigenen Haus inszenieren. Noch schlimmer ist der in jüngster Zeit sich nicht nur in Amerika, sondern mehr und mehr auch in Europa häufende Brauch, Menschen zu Operndirektoren zu berufen, weil sie gute wirtschaftliche Beziehungen haben und zusätzliches Geld lukrieren können.

Vor Ihrem Eintritt in die Direktion der Staats- und Volksoper waren Sie einflussreicher Sängeragent. In manchen Zeitungsartikeln nannte man ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2010
Rubrik: Wiener Welt, Seite 38
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Tragödie aus Feuer und Licht

In einem Darmstädter Vortrag von 1961 dachte Theodor W. Adorno darüber nach, was künstlerische Utopie bedeutet. Seine Antwort: «Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.» Das konnte, über alle Sentenzhaftigkeit hinaus, konkret auf die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre bezogen werden. Und es hatte weitreichende Folgen. In der Oper bedeutete der...

Bodenständig, weltoffen

Berühmt und gleichwohl schlicht sind die Namen der Berliner Philharmoniker, der Bamberger Symphoniker oder des Cleveland Orchestra. Sie verraten lediglich den Hauptsitz dieser künstlerischen Verbände, der heutzutage freilich immer weniger mit dem Herkunftsort der dort beschäftigten Musiker zusammenfällt. Andere Klangkörper nannten sich nach einer Gründerfigur – das...

Risiko und Verantwortung

Wenn man als Operndirektor eine junge Sängerin, die im internationalen Geschäft noch keinen Namen hat, mit der Titelpartie in Puccinis «Madama Butterfly» betraut und davon überzeugt ist, dass sie diese Partie nicht nur am Premierenabend, sondern im Laufe der Saison zwanzigmal singen und spielen kann, wird einem von verschiedener Seite viel Mut zum Risiko...