Totales Theater
Am 27. Mai wieder in Basel.
Die leere, mit Holzplanken ausgelegte Bühne ragt bis in den Zuschauerraum hinein, das brutal-schöne Bild eines im Wasser liegenden, nur mit einem Slip bekleideten toten Mädchens wird projiziert. In pausenlosen 100 Minuten werden wir zu Augen- und Ohrenzeugen des Menschenschlachthauses, das Aischylos, der älteste der griechischen Tragiker, vor zweieinhalb Jahrtausenden in seiner «Oresteia»-Trilogie entwarf.
Zunächst, mit dem der Handlung vorausgehenden Opfermord Agamemnons an seiner Tochter Iphigenie (noch immer wort- und tonlos als beklemmendes Video), ehe der König selbst, aus dem Trojanischen Krieg zurückgekehrt, von seiner Gattin Klytaimnestra getötet und diese schließlich von ihrem Sohn Orest nach quälendem Kampf erdrosselt wird.
Scheinbar ein Beginn also, wie man ihn von Calixto Bieito erwarten darf. Und dennoch ist an diesem Abend alles anders, weil der katalanische Regisseur kein Stück des Opernrepertoires gegen den Strich liest, sondern ein totales Theater erfindet, bei dem sich die einzelnen Bausteine gegeneinander sperren, gerade in ihrer Diskontinuität aber auch wieder durchdringen. Dazu hat er aus dem Text von Aischylos – in der neuen, glänzenden Übersetzung von Kurt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Uwe Schweikert
Fast möchte man Sandra Leupolds grandios durchgearbeitete Bühnenerzählung mit dem Titel «Histoire du soldat» versehen: So machtvoll und eindeutig in seiner Schwäche und Verletzlichkeit stand Max noch selten im Zentrum einer «Freischütz»-Interpretation. Wie die Figur von Ramuz und Strawinsky hat er sich teuflischer Übermächte zu erwehren, mehr aber noch von den...
Tröstliche Botschaften hält Alexander von Zemlinskys «Der Zwerg» nicht bereit. Der 1922 uraufgeführte Einakter beschreibt die zynischen Herrschaftsmechanismen am spanischen Königshof des 16. Jahrhunderts, die einen Kleinwüchsigen zum Spielball der dekadenten Hofgesellschaft herabwürdigen. Der Infantin Donna Clara zum Geburtstag geschenkt, wird ihm weisgemacht, er...
Mit Antonio Cestis «L’Orontea», einem Stück über die Liebesirrungen und -wirrungen rund um die titelgebende ägyptische Königin, hat die Frankfurter Oper 2015 eine der erfolgreichsten Opern des 17. Jahrhunderts auf die moderne Bühne geholt und große Resonanz bei Publikum wie Kritik gefunden (OW 3/2015). Dass die Begeisterung, die diese Aufführung auslöste, nicht vor...
