Tolle Tage

«Tutto Mozart»: Die Salzburger Pfingstfestspiele präsentieren «La clemenza di Tito» sowie das Opern-Pasticcio «Une folle journée»

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Die Flüge nach Rio, Caracas, sogar nach Salzburg? Alle gecancelt. Und die Stimmung im Terminal? Bestens. Was weniger an den Gutscheinen für die Bar liegt, sondern am Zeitvertreib während der Wartezeit. Zwei Männer spielen Fußball, die Melodien von Ferrando und Guglielmo auf den Lippen. Eine mondäne Frau betrauert mit «Porgi amor» ihre Beziehung, zum ersten «Così»-Finale gibt es Joints für alle. Ein älterer Herr prahlt parallel zu Leporellos Registerarie mit der Speicherkapazität seines Smartphones.

Einmal naht eine Diva, schwarze Robe, weiße Pelzstola, und trägt «Ch'io mi scordi di te» vor. Am Hammerflügel hinter ihr sitzt ein Genie: Daniil Trifonov.

Es ist der große Auftritt der Chefin. In Cecilia Bartolis kostbaren Minuten mit dem Superpianisten wird man von Unsagbarem angeweht. Ansonsten sind diese zwei Stunden schräg, durchgeknallt, verrückt und nennen sich deshalb ja auch «Une folle journée». Regisseur Davide Livermore hat dieses Opern-Pasticcio, ein Best-of aus Mozarts Da-Ponte-Opern, im Großen Festspielhaus arrangiert. Alles spielt auf dem von einem Sturm lahmgelegten Flughafen Lorenzo da Ponte, die Airline heißt dazu passend WAM. Singen statt warten, diese Devise erinnert an Rossinis «Il viaggio a Reims». Ein All-Star-Programm: Lea Desandre, Mélissa Petit, der 71-jährige Alessandro Corbelli, Mattia Olivieri, Rolando Villazón und Daniel Behle sind unter anderen dabei. Das Publikum ist entzückt, das Bühnenpersonal aufgekratzt, erst recht diejenigen, die 24 Stunden zuvor schon beim dunklen Politthriller von «La clemenza di Tito» im Haus für Mozart aktiv waren. «Tutto Mozart», das ist das bedingt kreative Motto der diesjährigen Salzburger Pfingstfestspiele. Doch bei Cecilia Bartoli, seit 2012 dort Regentin, durfte man sichergehen: Das missrät nicht zur Schokokugel-Sause. Werke und dazu passende Interpreten sind klug ausgewählt. Sich selbst und uns beschenkt sie dabei mit einem Debüt. Die beiden Sesto-Arien hat Bartoli unzählige Male gesungen, zu einer szenischen Produktion kam es nie. Nun steht also «La clemenza di Tito» im Zentrum des Pfingst-Festivals, die Aufführung wird traditionell von den Sommerfestspielen übernommen.

Schon immer war sich Cecilia Bartoli ihrer vokalen Mittel bewusster als andere. Die Süße des Timbres mag es nur noch in Spurenelementen geben; dafür sucht sie mit herb gewordener Stimme nach dem Existenziellen, Abgründigen. «Parto, parto» wird zur emotionalen Entäußerung. Weil Legatokultur, Koloraturenfertigkeit und das Bewusstsein für Agogik noch singulär sind, hält man den Atem an. Und Gianluca Capuano, der Hausund Hofdirigent Bartolis, sonst mit Les Musiciens du Prince – Monaco am Rand des Spielbaren unterwegs, schafft hier Hörinseln der vielsagenden Introspektion, mit einer Überfülle an Farben und offensiv ausgestellten Mittelstimmen.

Doch Bartoli hat einen Sparringspartner auf Augenhöhe. «La clemenza di Tito» – der Titel rückt ja weniger den Kaiser in den Mittelpunkt als vielmehr einen Charakterzug. Hier ist das anders, weil Daniel Behle auf der Bühne steht. Die beginnende Wagner-Erfahrung sorgt für erhöhte Stabilität und Vehemenz, auch für starke vokale Substanz. Und trotzdem kann dieser Sänger seine lyrische Sozialisation ausspielen, auch seine Flexibilität auf den Verzierungsstrecken. Die Stimme gehorcht in jeder Lage, die Technik ist bestechend. Der Tito bedeutet im Tenorfach die Quadratur des Kreises, Behle gelingt sie. Auch weil er Textreflexion zu Klang werden lässt: Ergebnis ist ein tiefenscharfes Porträt der Titelrolle für die Annalen. Auch auf nahezu allen weiteren Positionen gibt es Festspielwürdiges. Mélissa Petit ist eine reife, apart dunkel getönte, entschlossene Servilia, Ildebrando D’Arcangelo ein luxuriöser Publio – und Anna Tetruashvili, noch im Opernstudio des Gärtnerplatztheaters engagiert, ein Annio, der zweifellos den Sesto übernehmen könnte. Alexandra Marcellier fällt als Vitellia dagegen ab, ihr Sopran klingt nach Abstumpfung durch zu viel Dramatisches. Bei «Il Canto di Orfeo» schwingt dafür Bedauern mit, gerne hätte man den Weltklasse-Chor in diesem Stück noch öfter gehört.

Mehr als gemäßigte Moderne ist nicht erlaubt. Robert Carsen, im Sommer auch für den neuen Salzburger «Jedermann» gebucht, ist hier der Richtige. Sein «Tito» spielt im Italien von heute, in einem Regierungsgebäude inklusive Trikolore und Europaflagge, und doch bleibt alles Utopie. An der Spitze der Regierung steht keine Rechtsextreme, sondern ein Premierminister mutmaßlich sozialdemokratischer Couleur, bestimmt, aber gerecht, unbestechlich im Urteil, das er nach langen Abwägungen trifft. Wenn er ins Parlament kommt, begrüßt der Mann zunächst die Hinterbänkler. Schon Metastasio träumte in den 1730er-Jahren von einem solchen Staatenlenker, einige Jahre später folgten ihm Mozart und sein Textbearbeiter Mazzolà darin. Auch wenn der «Tito» ein Auftragswerk ist, bedeutet er doch weit mehr als nur einen Kniefall vor Leopold II. – evoziert wird das Idealbild eines Herrschers, der gerade in seiner Gerechtigkeit gefährdet ist.

Diesem modernen Tito begegnen wir dank Ausstatter Gideon Davey in schnellen Szenenwechseln zwischen Großraumbüro, Sitzungssaal und Parlament. Dunkle, kühle Wände rahmen das Geschehen, manchmal sitzt Volk auf der Tribüne.

Nicht nur zur öffentlichen Staatsaktion kommt es, auch zu (gefährlichen) Liebschaften zwischen den Entscheidungsträgern. Die Hosenrollen Sesto und Annio sorgen kaum für zusätzliche Impulse. Ganz ohne Gender-Krämpfe kommt die Aufführung aus, ob Politisches oder Lovestory: Alles wird mit einer Selbstverständlichkeit verhandelt, die Geschlechterrollen zur Nebensache macht. Wer will, kann das aufgeklärt nennen. Und selbst wer mit Carsens Konzept Schwierigkeiten hat, erlebt beste alte Regieschule. Die Figuren sind nicht Marionetten der Dramaturgie, sondern von innen nach außen entwickelt. Man blickt zweieinhalb Stunden gebannt auf die Bühne, und alles stimmt: Auf- und Abtritte, die Balance der szenischen Mittel, die Kraftfelder zwischen den handelnden Personen bis hin zur ausgezirkelten Choreographie in der Zentralszene mit Sesto und Tito.

Und doch dockt der Abend zweimal ans Heute an. Einmal am Ende des ersten Akts, wenn ein Video mit dem Sturm des Trump-Mobs aufs US-Kapitol alles überblendet. Keine holpernde Aktualisierung ist das, sondern eine Art Diskurs über wehrhafte Demokratie. Und im Finale lässt Carsen endgültig alles in ein schwarzes Loch fallen. Wieder wird Tito bedrängt, dieses Mal von den Schergen Vitellias – die ihn schließlich zum jubelnden Schlusschor erstechen. Die neue Staatenlenkerin nimmt triumphierend im Drehstuhl Platz. Wie zu hören ist, fiel die böse Schlusspointe Carsen erst während der Salzburger Probenarbeit ein. Vielleicht auch, weil ihm spätestens da dämmerte: Musterpolitiker à la Tito haben einfach keine Chance gegen die Vitellias, Melonis und Trumps dieser Welt. 

Mozart: La clemenza di Tito
SALZBURG | PFINGSTFESTSPIELE | HAUS FÜR MOZART Premiere: 17. Mai 2024
Musikalische Leitung: Gianluca Capuano
Inszenierung: Robert Carsen
Bühne und Kostüme: Gideon Davey
Licht: Peter Van Praet, Robert Carsen
Video: Thomas Achitz
Chor: Jacopo Facchini
Choreografie: Ramses Sigl
Solisten: Daniel Behle (Tito), Alexandra Marcellier (Vitellia), Cecilia Bartoli (Sesto), Mélissa Petit (Servilia), Anna Tetruashvili (Annio), Ildebrando D'Arcangelo (Publio)

nach Mozart: Un folle journée
SALZBURG | PFINGSTFESTSPIELE | GROSSES FESTSPIELHAUS Premiere: 18. Mai 2024
Musikalische Leitung: Gianluca Capuano
Inszenierung: Davide Livermore
Bühne: Giò Forma
Kostüme: Mariana Fracasso
Licht: Fiammetta Baldiserri
Video: D-Wok
Chor: Jacopo Facchini
Solisten: Mélissa Petit (Sopran), Cecilia Bartoli, Lea Desandre, Anna Tetruashvili (Mezzosopran), Daniel Behle, Rolando Villazón (Tenor), Alessandro Corbelli, Ruben Drole (Bariton), Mattia Olivieri (Bassbariton), Daniil Trifonov (Klavier) 
www.salzburgerfestspiele.at


Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Markus Thiel

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