Sonderfall
Als sich die antiken Götter und Gestalten zur Ruhe setzten oder, wie man es von prominenten Fußballern kennt, nur noch für eine kabarettistische Spätkarriere taugten, als auch Germanen und romantische Märchenfiguren ihren dramaturgischen Lebensgeist ausgehaucht hatten, da leitete das Bürgertum abermals eine neue Opern-Ära ein. Es genügte nicht mehr, für das Publikum der Stadttheater zu schreiben, jetzt mussten die Bourgeoisie selbst und die zivile Halbwelt ins Rampenlicht gerückt werden.
Paul Hindemith lieferte einige Beiträge zu dieser kleinen Revolution; der wichtigste ist seine 1929 uraufgeführte lustige Oper «Neues vom Tage». Sie steht also zeitlich zwischen Strauss’ «Intermezzo» und Bergs «Lulu», und zwar durchaus gleichberechtigt. «Neues vom Tage» behauptet sich aber auch souverän neben dem zuvor entstandenen «Cardillac»; der stilistische Reichtum ist phänomenal, reicht vom Kantatenhaften und einer Tripelfuge für drei Pianisten bis zu Koloraturarien, spätromantischem Klangzauber und pathetischen Kantilenen à la Lehár. Natürlich fehlen auch die Rhythmen des Jazz nicht. Hindemiths unschwer zu identifizierende melodische Gestaltungskraft durchdringt alle drei Akte, die vokalen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Volker Tarnow
Hübsch hier. Ein gepflegtes Quadrat auf gepflastertem Untergrund, mit zahlreichen Sitzbänken, riesigen Blumentöpfen, kleinen Pavillons samt Fähnchen, auf denen der Spruch «Viel Flut tut gut» zu lesen ist, mit jungen Bäumen und vielen Cafés und Gaststätten drum herum, die so poetische Namen wie «Marlene» oder «Burger & Bar – The place to B» tragen. Auch die...
Warum spuckst du mich an?», fragt Richard die aufgebrachte Anne, die Witwe des Prinzen Edward, den er auf dem Gewissen hat. Von ihrem Speichel getroffen, hat sich zuerst der Tänzer Richard zusammen -gekrümmt, der dessen Körper darstellt. Dann der Sänger, der wohl seine Seele verkörpert. Und zuletzt reagiert eben der Schauspieler, das Sprachrohr seines Intellekts....
Den Narren nimmt er ziemlich ernst. In seiner Essener «Wozzeck»-Inszenierung verdreifacht Martin G. Berger die Randfigur und macht sie zum Ventil für Wozzecks Wahn. «Wer’s sieht – wie Du! Der kann auf Erden nur Mörder oder Narr noch werden …», so dichtet der Regisseur für die selbstgemachte Ouvertüre; diese besteht aus dem «Nacht»-Stück aus Alban Bergs «Sieben...
