Tödlich intellektuell
Carmen tanzt nicht. Carmen raucht nicht. Und Klamotten im Gypsy Style trägt sie erst recht nicht. In der Endphase ihrer Evolution ist sie eine elegante Intellektuelle. Welch weiter Weg von der gewitzten, niederträchtigen «Zigeunerin» über die exotische Femme fatale bis zum Status eines exemplarischen Femizid-Opfers. Prosper Mérimée entwarf in der literarischen Vorlage zu Bizets Oper ein seltsam schillerndes Porträt, wobei er vor allem Carmens ethnische Identität verdunkelte.
Dem Ich-Erzähler seiner Rahmenhandlung ist ihre Herkunft rätselhaft: Andalusien, Mauretanien? Ist sie gar – aber danach wagt er nicht zu fragen – Jüdin? Ihre Auskunft bringt wenig Klarheit: «Je suis bohémienne». Georges Bizet ist dabei geblieben, sein Text zur Habanera behauptet: «L’amour est enfant de bohème». Die deutsche Fassung des Librettos macht aus ihr eine «Zigeunerin»; nicht ganz zu Unrecht, verwendet Mérimée doch im Verlauf seiner Novelle immer häufiger das fatale Wörtchen Gitane…
Nur wenige Bühnenfiguren erlebten derart gravierende Metamorphosen wie Carmen. Das «Mädel» eignet sich fast für alles, nur als pittoresk kriminelles Luder darf sie nicht mehr auftreten.
Schon zwischen Mérimée und Bizet ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2025
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Volker Tarnow
JUBILARE
Am 25. August feiert José van Dam seinen 85. Geburtstag. Der belgische Bass-Bariton zählt zu den prägenden Männerstimmen des 20. Jahrhunderts. Sein Golaud in Debussys «Pelléas et Mélisande», der Hans Sachs (er nahm die «Meistersinger» mit Georg Solti auf) sowie prägnante Interpretationen mehrerer Mozart-Rollen sind beispielhaft. Für seinen Kollegen...
Antonio Caldara gilt schon lange nicht mehr als jener barocke Kleinmeister, als den man ihn lange Zeit klassifiziert hatte. Für seine Zeitgenossen war er einer der bedeu -tendsten Komponisten überhaupt, seine Berufung an den Wiener Kaiserhof Karls VI., an dem er von 1716 bis zu seinem Tod 1736 wirkte, und die enorme Verbreitung seiner Musik in ganz Europa...
SRNKA: VOICE KILLER Musiktheater an der Wien
Edward J. Leonski war nicht zwingend das, was man einen schlechten Menschen nennt. Er hatte sich und seine Emotionen nur nicht im Griff. Während des Zweiten Weltkriegs war der Sohn russisch-polnischer Einwanderer, wie Tausende weitere junge US-amerikanische Soldaten, als GI in Melbourne stationiert, und sie alle...
