Tödlich intellektuell

Bizet: Carmen LÜBECK | THEATER

Opernwelt - Logo

Carmen tanzt nicht. Carmen raucht nicht. Und Klamotten im Gypsy Style trägt sie erst recht nicht. In der Endphase ihrer Evolution ist sie eine elegante Intellektuelle. Welch weiter Weg von der gewitzten, niederträchtigen «Zigeunerin» über die exotische Femme fatale bis zum Status eines exemplarischen Femizid-Opfers. Prosper Mérimée entwarf in der literarischen Vorlage zu Bizets Oper ein seltsam schillerndes Porträt, wobei er vor allem Carmens ethnische Identität verdunkelte.

Dem Ich-Erzähler seiner Rahmenhandlung ist ihre Herkunft rätselhaft: Andalusien, Mauretanien? Ist sie gar – aber danach wagt er nicht zu fragen – Jüdin? Ihre Auskunft bringt wenig Klarheit: «Je suis bohémienne». Georges Bizet ist dabei geblieben, sein Text zur Habanera behauptet: «L’amour est enfant de bohème». Die deutsche Fassung des Librettos macht aus ihr eine «Zigeunerin»; nicht ganz zu Unrecht, verwendet Mérimée doch im Verlauf seiner Novelle immer häufiger das fatale Wörtchen Gitane

Nur wenige Bühnenfiguren erlebten derart gravierende Metamorphosen wie Carmen. Das «Mädel» eignet sich fast für alles, nur als pittoresk kriminelles Luder darf sie nicht mehr auftreten.

Schon zwischen Mérimée und Bizet ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2025
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Volker Tarnow

Weitere Beiträge
Editorial Opernwelt 8/25

Kaum jemand konnte seiner Traurigkeit und leisen Bestürzung über den Zustand des (weiblichen) Ichs im patriarchal-geteilten Deutschland nach 1945 so plastisch-poetisch Ausdruck verleihen wie die Schriftstellerin Brigitte Reimann. «Alles schmeckt nach Abschied», notierte sie einmal in ihrem Tagebuch, und betrachtet man das Leben dieser Künstlerin, klingt der Satz...

Ein wenig üppig

Schuberts drei große Liederzyklen hat Andrè Schuen bisher aufgenommen; die Resonanz war stark, teilweise überwältigend. Gewürdigt wurde die Schönheit von Schuens Stimme, die Intelligenz der analytischen Durchdringung, die Expressivität. Vom Lied mag der Bariton immer noch nicht ganz lassen, seine jüngste Veröffentlichung mit dem schlichten Titel «Mozart» bietet...

Apokalypse now

SRNKA: VOICE KILLER Musiktheater an der Wien
Edward J. Leonski war nicht zwingend das, was man einen schlechten Menschen nennt. Er hatte sich und seine Emotionen nur nicht im Griff. Während des Zweiten Weltkriegs war der Sohn russisch-polnischer Einwanderer, wie Tausende weitere junge US-amerikanische Soldaten, als GI in Melbourne stationiert, und sie alle...