Der Blick zurück
Wir vernehmen die schwer auf ihrer Seele lastenden Atemzüge einer Sterbenden: Die noch junge Frau ringt sie sich mit Hilfe eines Sauerstoffgeräts ab – bevor man im Graben jene schwervernebelten Streicherklänge des Vorspiels zum dritten Akt vernimmt, die von baldiger Erlösung zu künden scheinen. Und weil Violettas Verlöschen zum Längsten gehört, was Verdi je für seine tragischen Frauengestalten ersonnen hat, stimmt sie ihr «Addio del passato» schon jetzt an.
Ein letztes Mal hängt die Kurtisane den goldenen Träumen von der Liebe nach, um dann im historischen Perfekt des «tutto finì» ihr Leben als abgeschlossen zu bezeichnen.
In der Genfer Neuinszenierung ist die zweite Strophe dieser Abschiedsromanze dem Abend wie ein Prolog vorangestellt: «La Traviata» wird damit im Grunde als Rückblende erzählt. Violetta schaut im Angesicht des Todes auf die Stationen, die zentralen Bilder ihres Lebens und auf sich selbst zurück. Karin Henkel inszeniert die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen; ein Phänomen, das zumal Menschen mit Nahtoderfahrungen kennen. Die Regisseurin setzt dazu auf die Drastik einer feministischen Sichtweise. Am Anfang ihres Erinnerungsstroms steht ein Kindheitstrauma: ...
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Opernwelt August 2025
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Peter Krause
Viel sagt der Geist des getöteten Königs nicht in Shakespeares «Hamlet». In drei Szenen tritt Hamlets Vater, der zuvor von seinem Bruder Claudius heimtückisch ermordet wurde, auf, nur in zweien davon erklingt seine Stimme. Und doch ist kaum eine Gestalt – sehen wir einmal von Banquos Wiedergänger in «Macbeth» ab – derart beunruhigend und binnen Sekunden imstande,...
Für Jewgenij Mrawinski, den ruhmreichen russischen Dirigenten, der seine Symphonien auswendig im Kopf hatte, war er ein «naiver Ritter mit der edlen Seele». Ein Mensch, der vom allgemeinen Glück träumte, Gewalt in jeder ihrer Formen abgrundtief hasste und bereit war, alles dafür zu opfern, um das soziale Übel auszurotten. Ein Idealist also, der in seiner Kunst aber...
Husten. Babygeschrei. Pingpong. Die Sound-Kulisse des wirklichen Lebens. Der Realismus des Regisseurs Kirill Serebrennikow findet auch akustisch statt, noch bevor das Concertgebouworkest unter Vasily Petrenko seinen Klangluxus entfalten kann. Serebrennikow, der, wie üblich, sein eigener Bühnenbildner ist, hat die enorme Bühnenbreite der Amsterdamer Oper mit einer...
