Therapeutisch wirksam
Ob die arg dichotomische Teilung in Monogamie und Polygamie schon zu Mozarts Zeiten ein alter Hut war? Mit seiner Musik jedenfalls meidet der Experte in Liebesdingen jegliches Moralisieren. Die Duette der offiziell falschen Paare im zweiten Akt dieser «Schule der Liebenden» sind von so berückender Intimität und echter Zartheit, dass die Romantik der ewigen Liebe von der Realität der spontanen Erotik kaum mehr zu scheiden ist.
Das Kunstwort der «Polyamorie», die in Alfonsos und Despinas Zentrum für paartherapeutische Intervention als «neue Treue» angepriesen wird, sucht Mozarts Liebeskonzept der Aufklärung nun direkt ins 21. Jahrhundert zu übertragen.
Das klappt in Martin G. Bergers Inszenierung erstaunlich gut, nicht nur, weil er dadurch die sonst immer etwas peinlich unglaubwürdige Verkleidungsklamotte meidet. Derlei bemühter Zauber weicht an der Staatsoper Hannover einer anderen Verwandlung: Hier fallen alle Hüllen. Schließlich spielen die antrainierten Beziehungsbilder textilfrei kaum mehr eine Rolle. Darum stellen Despina und Alfonso ihre Patienten vor die Frage: Erkennen die Paare sich mit verbundenen Augen und gerade so, wie Gott sie schuf, überhaupt noch wieder? Mitnichten. ...
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Opernwelt August 2021
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Peter Krause
Der von der Pariser Weltausstellung 1889 ausgehende Russland-Boom, der bald das ganze westliche Europa erfasste, blieb auch in der Oper nicht ohne Folgen. Insbesondere die Vertreter der Giovane Scuola erkannten in dieser «exotischen» Welt, wie sie in den Romanen Tolstois und Dostojewskis aufschien, eine Möglichkeit, ihre musikalische Palette um reizvolle Farben zu...
Stimmgewaltig
Dass ihr Sopran Mauern zu sprengen imstande ist, wusste man spätestens seit ihrer Médée in Wexford 2017. Dass Beethovens Leonore, Verdis Heroinen und die schweren Wagner-Partien eine dominierende Rolle spielen würden, eigentlich auch. Doch Lise Davidsen, die bei den Bayreuther Festspielen die «Walküren»-Sieglinde singen wird, kann noch viel mehr. Ein...
Müll, Müll, überall Müll. Sperrgut, Dreck, Schrott, Waschmaschinen, zerfetzte Sofas, ein Supermarkteinkaufswagen, mittendrin ein mächtiger toter Baum auf der Bühne des Nationaltheaters Mannheim. Lemurenhafte Gestalten, einige tragen Gasmasken, streifen herum, suchen Nahrung. Verheerungen eines Kriegs. Der Dreißigjährige im 17. Jahrhundert war das Trauma der...
