Routiniert
«Theater muss sein.» So euphorisch und provokant (weil Theater eben Geld kostet) hat es der Deutsche Bühnenverein Ende der 1990er-Jahre propagiert, mit dem neckisch auf einem Punkt tänzelnden T. Die Aussage wurde seither immer wieder diskutiert ‒ besonders verzweifelt während der Pandemie, in der das Theater als Ort gesellschaftlicher Diskurse über Nacht seine Arbeit einstellte.
Und wenn jetzt Roland Schwab in seiner Essener «Pagliacci»-Inszenierung dem Canio ein Schild mit dem besagten Spruch wie einem Delinquenten um den Hals hängt, dann könnte das heißen, dass Theater eben auch eine Bürde sein kann, wenn die Politik seine Relevanz nicht mehr anerkennt und die Gesellschaft die Spieler alleinlässt.
Mag sein, dass diese Perspektive das Stück von Ruggero Leoncavallo allzu sehr überfrachtet hätte ‒ jedenfalls hält sich Schwab eher an Leoncavallos Programm, das Canios Widersacher Tonio im Prolog verkündet: Theater muss sein, weil es so aufwühlend realistisch sein kann. Dumm nur, dass manche Menschen das Theater zur Lösung der eigenen Probleme missbrauchen, weil nur das Bühnenleben ihnen die Kraft dazu verleiht.
So einer ist der Bajazzo Canio, den Sergey Polyakov in Essen mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2021
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Michael Struck-Schloen
Nichts gegen Tatjana Gürbaca, überhaupt nichts – aber vielleicht wäre «Lucia di Lammermoor», eine Sängeroper par excellence, doch genau das Richtige für eine konzertante oder bestenfalls eine halbszenische Aufführung. Die Bösen sind die Bösen, die Liebenden sind die Liebenden, das ist zu hören, dazu braucht es weder Blumenkranz noch Totschläger oder Morgenstern;...
Die größten Tyrannen finden wir bei William Shakespeare. Leontes, von Eifersucht zerfressen, Richard III., der Fieseste von allen, ferner einige der Heinrichs, Claudius, Julius Caesar, Titus Andronicus. Sie alle zeichnet ein untrüglicher Hang zum Sadismus aus, der unbeugsame Wille zur uneingeschränkten Ausübung ihrer Macht, und sei es gegen jede humane Vernunft und...
Frau Stone, während Ihrer gesamten Theaterlaufbahn haben Sie erlebt, dass Sie nicht nur als Führungskraft, sondern immer auch als Frau wahrgenommen wurden. Wie sind Sie damit umgegangen?
Anfangs musste ich mich schon behaupten. Als ich in Köln Operndirektorin war, haben die Herren in den Sitzungen der Deutschen Opernkonferenz kaum mit mir und Pamela Rosenberg, der...
