Routiniert
«Theater muss sein.» So euphorisch und provokant (weil Theater eben Geld kostet) hat es der Deutsche Bühnenverein Ende der 1990er-Jahre propagiert, mit dem neckisch auf einem Punkt tänzelnden T. Die Aussage wurde seither immer wieder diskutiert ‒ besonders verzweifelt während der Pandemie, in der das Theater als Ort gesellschaftlicher Diskurse über Nacht seine Arbeit einstellte.
Und wenn jetzt Roland Schwab in seiner Essener «Pagliacci»-Inszenierung dem Canio ein Schild mit dem besagten Spruch wie einem Delinquenten um den Hals hängt, dann könnte das heißen, dass Theater eben auch eine Bürde sein kann, wenn die Politik seine Relevanz nicht mehr anerkennt und die Gesellschaft die Spieler alleinlässt.
Mag sein, dass diese Perspektive das Stück von Ruggero Leoncavallo allzu sehr überfrachtet hätte ‒ jedenfalls hält sich Schwab eher an Leoncavallos Programm, das Canios Widersacher Tonio im Prolog verkündet: Theater muss sein, weil es so aufwühlend realistisch sein kann. Dumm nur, dass manche Menschen das Theater zur Lösung der eigenen Probleme missbrauchen, weil nur das Bühnenleben ihnen die Kraft dazu verleiht.
So einer ist der Bajazzo Canio, den Sergey Polyakov in Essen mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2021
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Michael Struck-Schloen
Der Tod sitzt mit am Tisch auf Burg Kareol. Neun Kinderpuppen in blauer Krankenhauskleidung, von ganz klein bis jugendlich groß, sind da an einer langen Tafel zum Abendmahl vereint, vor sich leere Teller und halbgefüllte Gläser. Und allen sieht man an, dass der Krebs in ihnen wütet, leukämisch vermutlich. Die Schädel blank, wie ebenfalls der des jungen Mannes, den...
Schon Tonart und Taktart verheißen viel Gutes. In lichtdurchflutetes G-Dur kleidet Händel die Arie seiner Titelheldin kurz vor Ende des zweiten Akts von «Rodelinda, Regina de’Longobardi» und wählt dazu einen sanft schaukelnden 12/8-Takt. Und so wiegt sie ihren Kopf hin und her, die Königin, und hofft, der Geliebte möge bald schon an ihrer Seite sein: «Ritorna, o...
Seit seinem Operndebüt mit Mozarts «Titus» 1994 an der Staatsoper Stuttgart gehört Jossi Wieler zu den profiliertesten Regisseuren des Musiktheaters. Der gebürtige Schweizer ist in vieler Hinsicht ein Solitär. Wie die meisten Kollegen seiner Generation hat auch er im Schauspiel begonnen, das Worttheater mit den ungleich schwierigeren Anforderungen aber niemals...
