Thema verfehlt
Diese Inszenierung ist ein Paradoxon: Sie aktualisiert, und zwar nachdrücklich – doch nicht, um die Handlung uns Zeitgenossen näher zu bringen und dadurch fasslicher zu machen. Ganz im Gegenteil: Es ist die erklärte Absicht des Regisseurs Dmitri Tcherniakov, die Titelfigur fremd, ihr Handeln unbegreiflich erscheinen zu lassen. Bei Schostakowitsch ist diese Katerina Ismailowa, bevor sie zur Ehebrecherin und Mörderin wird, zunächst einmal das Opfer einer repressiven, ständisch-kapitalistischen Gesellschaftsordnung.
Indem der Regisseur das Geschehen vom altrussischen Kaufmannshaus in einen neuzeitlichen Versandhandel verlegt, entfällt diese Voraussetzung: Im Zeitalter von Computer und Telekommunikation ließe sich selbst in der Provinz etwas gegen die bleierne Langeweile tun, und gegen die Demütigungen durch den Schwiegervater und das Desinteresse des Gatten hülfe notfalls eine Scheidung. Doch, so der Regisseur im Programmheft, die Ursachen des Geschehens seien «nicht außerhalb der Hauptgestalt, sondern tief in ihrem Inneren versteckt.» Für ihn ist Katerina die «ganz Andere», die wesensmäßig Fremde, eine kompromisslose «maximalistische» Person «jenseits der Zivilisation», die dem von ...
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Der Held ist absent. Hat sich aus dem Staub gemacht, kurz bevor es ernst zu werden drohte. Nichts wird es nun mit der anberaumten Hochzeit zwischen ihm, Parsifals Sohn, und der edlen Jungfrau Elsa. Leer geräumt steht die Hochzeitsvilla, leer geräumt ist Elsas Seele. Und wie leer geräumt sind auch die Klänge, die durch die hohen Räume vagieren, ausgehöhlt,...
Schon der Beginn der Oper klingt verheißungsvoll: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks präsentiert sich unter der Leitung von Bertrand de Billy vom ersten Takt an als jener exquisite Klangkörper von geschmeidiger, in allen Belangen differenzierender Tongebung und rhythmischer Elastizität, als der er diese Aufnahme bis zum Schluss maßgeblich prägt....
