Theater des Lebens
In Marco Štormans Stuttgarter Inszenierung von Wagners «Götterdämmerung» ist die Apokalypse bereits vorüber, wenn sich der Vorhang hebt. Die verdorrte, von Wotan selbst abgeholzte Weltesche schwebt wie ein Menetekel als Strandgut vom Schnürboden herab. Wenn sie am Ende wiederkehrt, begräbt sie den im Rheinrinnsal gierig nach dem Ring fischenden Hagen und erschlägt ihn. Hagen ist der Politiker, der den Untergang herbeiführt.
Mit diesem Bild setzt Štorman zwei Zeichen, die seine Deutung von Wagners Kosmos tragen: einmal die Selbstreferentialität von Kunst, sich nur im eigenen Medium erklären zu können; zum zweiten, dass es, anders als in den drei vorausgehenden, in der Welt der Götter spielenden Teilen der «Ring»-Tetralogie, die Menschen selbst sind, die ihr Schicksal gestalten.
Beides hat seinen Grund in der Dramaturgie der «Götterdämmerung», deren Entstehung nicht am Ende des Weltendramas, sondern, als Einzelstück geplant, an seinem Anfang stand. Mit Ausnahme der einleitenden Nornenszene und Brünnhildes Schlussgesang ist es kein Ideen-, sondern ein Intrigendrama – eine Grand Opéra Meyerbeer’schen Zuschnitts mit all ihren veralteten Formen wie Hagens Monolog, dem Mannenchor, dem ...
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Opernwelt März 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Uwe Schweikert
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