Sturm und Drang
Mit «Milde» lässt sich das Wort übersetzen, auch mit «Gnade» oder «Nachsicht». Die Augsburger sind, Italienisch-Kundige müssen stark sein, da etwas frei. «La clemenza di Tito» wird hier als «Laune» des römischen Imperators ausgelegt. Der ist auf der Bühne des Martini-Parks nicht immer Respektsperson, vielmehr ein großes Kind, ein aufbrausender, überforderter Emporkömmling, der zu Mozarts Klängen auch mal ein narzisstisches Tänzchen wagt.
Vor allem aber zeigt ihn Regisseur Wojtek Klemm als traumatisiert: Seine Berenice, zwangsweise vom Hof verstoßen, hat dieser Kaiser nicht vergessen. Noch immer spukt sie als einzig wahre Liebe in seinem Kopf herum – und so auch in den Videos, mit denen die aktuellen Affären Titos im Wortsinn überblendet werden.
Man erfährt also durchaus Neues über Mozarts Figuren in dieser Premiere, insbesondere über die dunkle Seite der Macht. Das betrifft zum Beispiel Sesto, der nicht nur, wie sonst auch, Zentrum der Oper ist, sondern ein gefährlicher Manipulator sein kann. Sein «Parto, parto» ist da nicht dankbare Vorführnummer, sondern Dokument eines Mannes, der die von ihm angebetete Vitellia in Bedrängnis bringt. Dass dieser Sesto das Kapitol in Brand ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Markus Thiel
Frau Šlekytė, Ihr Vorname bedeutet in unserer Sprache «heiter». Ist Heiterkeit eine vorherrschende Konstante Ihres Lebens?
Das wäre sehr schön. Aber ich lebe auf diesem Planeten, der mir zusehends Sorgen bereitet. Vielleicht sagen wir es so: Es gibt verschiedene Gefühle. Heiterkeit ist eines davon.
Was löst das eine wie das andere aus? Sind das künstlerische...
Ein Sturm fegt durchs altehrwürdige Opernhaus von Hannover. Doch nicht einem Shakespeare’schen Naturereignis von Prosperos und Ariels Gnaden gleicht die Ouvertüre von Verdis «Otello». Es ist der (von Philipp Contag-Ladas auf die Rückwand projizierten Bildern noch zusätzlich aufgeladene) Lärm des Kriegs, der sich hier Bahn bricht. Gewitterblitze zucken,...
«Perché il mio canto s’attrista – Warum wird mein Gesang traurig, ich habe ich nie gehört, wie ist er in mich geraten?», singt der Chor im Zentrum von Salvatore Sciarrinos jüngster Oper – da ist das grausame Schuld- und Sühne-Spektakel schon im vollen Gange. «Ich beweine dieses Haus, dem der Untergang droht», klagt am Beginn der Wachposten auf einem in schwarzer...
