Sturm und Drang
Mit «Milde» lässt sich das Wort übersetzen, auch mit «Gnade» oder «Nachsicht». Die Augsburger sind, Italienisch-Kundige müssen stark sein, da etwas frei. «La clemenza di Tito» wird hier als «Laune» des römischen Imperators ausgelegt. Der ist auf der Bühne des Martini-Parks nicht immer Respektsperson, vielmehr ein großes Kind, ein aufbrausender, überforderter Emporkömmling, der zu Mozarts Klängen auch mal ein narzisstisches Tänzchen wagt.
Vor allem aber zeigt ihn Regisseur Wojtek Klemm als traumatisiert: Seine Berenice, zwangsweise vom Hof verstoßen, hat dieser Kaiser nicht vergessen. Noch immer spukt sie als einzig wahre Liebe in seinem Kopf herum – und so auch in den Videos, mit denen die aktuellen Affären Titos im Wortsinn überblendet werden.
Man erfährt also durchaus Neues über Mozarts Figuren in dieser Premiere, insbesondere über die dunkle Seite der Macht. Das betrifft zum Beispiel Sesto, der nicht nur, wie sonst auch, Zentrum der Oper ist, sondern ein gefährlicher Manipulator sein kann. Sein «Parto, parto» ist da nicht dankbare Vorführnummer, sondern Dokument eines Mannes, der die von ihm angebetete Vitellia in Bedrängnis bringt. Dass dieser Sesto das Kapitol in Brand ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Markus Thiel
Henry James’ Erzählung «The Turn of the Screw» gehört zu den rätselhaftesten Texten der Weltliteratur. James entfaltet darin mit kriminalistischer Spannung die unheimliche Atmosphäre in einem englischen Landhaus, ohne am Ende eine Lösung zu bieten. Handelt es sich um einen Fall von früherem Kindesmissbrauch, wenn die Waisen Miles und Flora von den Geistern zweier...
Die Geschichte ist, nun ja, etwas seltsam: Ein eifersüchtiger Pastor trifft auf einen schwächlichen Nebenbuhler, der vom jähzornigen Schwiegervater getötet wird, die untreue Gattin bittet ihren frisch geschiedenen Ex-Mann um eine Beichte, und am Ende steht das christliche Verzeihen, wovon wiederum der getötete Liebhaber herzlich wenig hat. Schon 1850, während der...
Die Mitteilung lässt es an Deutlichkeit nicht mangeln. «Soffro». Ich leide, so sagt es unumwunden das literarische Alter Ego von Ada Negri in ihrem Gedicht «Nebbie», das vielleicht in Vergessenheit geraten wäre, hätte nicht Ottorino Respighi eine Musik dazu geschrieben, die uns noch heute unter die Haut geht. Zumal dann, wenn sich ein so begnadeter Textausdeuter...
