Stunde der Wahrheit
Taugt die Krise als Pflicht und Chance, es alsbald anders zu machen? Drei Beispiele des Gelingens in einer nur scheinbar gescheiterten Spielzeit: Mit Händels «Tolomeo» transzendiert Regisseur Anthony Pilavachi das Artifizielle barocker Operngestik und das derzeitige Distanzgebot am Theater Lübeck, zu Saisonbeginn noch mit echtem Publikum im Saal, zu berührendem Musiktheater. Die Selbstbezogenheit der Figuren wie ihr Erspüren erotischer Energien wird umso stärker Ereignis, als es nicht mit konkreter Nähe verbunden werden darf.
In Mannheim entzündet Regisseur Lorenzo Fioroni mit Rameaus Meisterwerk «Hippolyte et Aricie» ein fantastisches Feuerwerk der Fantasie und beschert dem zum Saisonende digitalen Publikum eine Musiktheater-Erfüllung. Die Produktion am Nationaltheater spürt spielerisch leichtgängig auch jene Parallelen auf, durch die wir die Zeitgenossenschaft des barocken Lebensgefühls und Theatergeistes vor Augen und Ohren geführt bekommen. Die der Übertragung vorgeschaltete Einführung, in der sich Dramaturgin und Intendant lustvoll und klug die Bälle zuspielen, macht neugierig – und beweist, wie wunderbar sich digitale Kanäle für die Vermittlung anspruchsvoller Inhalte eignen. ...
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Opernwelt Jahrbuch 2021
Rubrik: Umfrage Kritikerstatements, Seite 114
von Peter Krause («Opernwelt», Hamburg)
Vor einem Jahr war eben mein Buch über die digitale Revolution und über die Chancen und Risiken für die Kunst im Internet erschienen («World Wide Wunderkammer», Edition Körber). Vorschlag: das Internet nicht dem Unsinnigen und Hassenswerten zu überlassen, sondern es zu nutzen zur Ermöglichung ästhetischer Erfahrung, auch des Musiktheaters, und vielleicht...
Lange noch dürfte sie in Erinnerung bleiben, diese überlange Spielzeit der Einschränkungen und Absagen, des Ausweichens, Umplanens und der Entschleunigung. Hinter uns liegt eine Phase oft ungewohnter Seh- und Hörerfahrungen, der Entzugserscheinungen und Ersatzhandlungen, der immer wieder neuen Hoffnungen oder Vertröstungen. Und ein Ende ist nicht wirklich in Sicht.
...62. Jahrgang, Jahrbuch 2021
Opernwelt wird herausgegeben von Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
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