Stückwerk
Gäbe es ein Ranking derjenigen Opern, an denen sich die Probleme in Pandemie-Zeiten am treffendsten zeigen ließen, Verdis «La traviata» stünde gewiss sehr weit oben: So laboriert die Hauptfigur nicht nur an einer Atemwegserkrankung (im Stück weniger infektiös, dafür aber mit tödlichem Ausgang: Tuberkulose), sondern muss sich auch dem Druck gesellschaftlicher Ausgrenzung (neudeutsch: Social Distancing) fügen und die nicht statthafte Liaison mit dem ihr höher gestellten Alfredo beenden.
In der Halleschen Inszenierung der jungen Regisseurin Julia Lwowski wird daraus eine halt- und hemmungslose Übersteigerung. Da hat, wie eingangs vor einem mittelalterlichen Tableau verkündet wird, die Pest den gesamten Opernchor dahingerafft, weswegen dieser nur aus Lautsprechern zum Publikum singt. Und wenn es zur Annäherung kommt zwischen der Edel-Kurtisane Violetta Valéry und Alfredo Germont, so trennt die Liebenden eine hygienekompatible Plexiglaswand.
Der Beginn ist eine gelungene Irritation: Bußprediger und Flagellanten bevölkern die düstere Szenerie, in deren Mitte ein Scheiterhaufen dräuend aufragt: Stolz noch im Angesicht des Todes blickt die an den Pfahl gefesselte Frau: eine Hexe? Ist ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Werner Kopfmüller
Tolles Cover. Ungeschönt, ehrlich, direkt. Dazu erzählt es viel über diese ziemlich außergewöhnliche Frau. Der Blick ist klar, streng und doch verträumt, fast liebevoll. Um die geschlossenen Lippen spielt leise Ironie. Und beide Arme sind verschränkt, einerseits resolut, andererseits wie zum Schutz. Sie ließen sich öffnen. Und mit ihnen würde man einen Weg...
Mit vier Solisten und zehn Instrumentalisten, aber ohne Chor ist Hans Thomallas in Mannheim uraufgeführte englischsprachige Oper «Dark Spring» die Corona-Oper der Stunde. Doch nicht nur ihr geringer Aufwand, auch ihr Sujet spiegelt die Bedrückung wider, die die Welt in Atem hält – den Abstand von anderen Menschen. Allerdings geht es weniger um die erzwungene äußere...
JUBILARE
Stein Winge absolvierte seine Ausbildung an der Academy of Dramatic Art in Oslo. Der Norweger, bereits als Produzent, Schauspiel- und Fernsehregisseur erfolgreich, wandte sich in den 1990er-Jahren verstärkt dem Musiktheater zu. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1993 mit seiner Lesart von Mussorgskys «Boris Godunow» am Grand Théâtre de Genève....
