Studiobedingungen
Ein bisschen kräftiger dürfte das espressivo schon sein. «Fülle, Fülle», ruft Marek Janowski den Streichern zu, als es zu Beginn des zweiten Akts in den Kerker geht. Und pochen soll der Rhythmus nach Florestans Verzweiflungsschrei: «Gott, welch Dunkel hier!» Mehr «Substanz» fordert der 81-jährige Maestro später von den ersten Geigen und den Bratschen. Als wolle er Rezitativ und Arie des Tenors Herztöne unterlegen, Bangen und Hoffen der in Isolationshaft gehaltenen Kreatur durch das innere Gewicht des Klangs beschreiben.
Und, Herr Elsner, die Anrufung des Allmächtigen darf gern «mit Muckis» kommen, aber bitte nicht zu früh. Christian Elsner, der Florestan – er gehört zu jener «Bombenriege», die Janowski für vier Juni-Tage in den großen Saal des Kulturpalastes gelockt hat, um mit der Dresdner Philharmonie zum Beethoven-Jubiläum «Fidelio» aufzunehmen. Seit einem Jahr ist er nun Chef des Orchesters, das mit der 2017 eröffneten Konzertstätte am Altmarkt über einen akustisch exzellenten Raum verfügt. Der Coup: Lise Davidsen singt Leonore («Das hatte ich verabredet, als noch nicht jeder Opernintendant sie kannte»), Johannes Martin Kränzle den Pizarro, Georg Zeppenfeld ist Rocco, den ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Magazin, Seite 58
von Albrecht Thiemann
«Das Wort ‹Familienbande› hat einen Beigeschmack von Wahrheit.» Wem fallen bei diesem Aphorismus von Karl Kraus nicht gleich die seit 150 Jahren vom Familienclan regierten Bayreuther Festspiele ein. Wagner hat nicht nur die Werktreue erfunden, den Autorwillen durchgesetzt, sein eigenes Theater erbaut, sondern seinen Nachfolgern mit den Modellinszenierungen auch...
Hansgeorg Kling ist kein Mann der großen Gesten und Worte. Er wirkt lieber im Stillen, diskret, unauffällig, ohne aufgesetzten Aplomb, dafür aber mit größtem Engagement und mit profunder Sachkenntnis. Und vor allem in einem Fach ist der emeritierte Studienrat (Deutsch, Geografie und Politik) jeder Prüfung gewachsen: in der Wagner-Kunde. Jedes seiner Werke kennt...
In der Musikhochschule von Helsinki hing an einem Mittwoch im Jahr 1994 ein Zettel. «Wer gern einmal dirigieren möchte, darf am Samstag um 10 Uhr in den Orchestersaal kommen.» An jenem Tag entschied sich das Leben von Pietari Inkinen. Der 14-Jährige aus der finnischen Mittelstadt Kouvola, die vor allem Skispringer und Eishockeyspieler hervorgebracht hat, war ein...
