Zuflucht im Cyberspace
Als am 1. Mai Premiere auf YouTube war, schrieben wir in unseren Corona-Zeiten den «Tag 47». Was man damals noch nicht wissen konnte: Es war ungefähr die Mitte der virusbedingten Isolationsphase. Mittlerweile nimmt das Leben wieder ein wenig Fahrt auf. In Salzburg hatte mit besagtem «Tag 47» der um Ideen nie verlegene versatile junge Regionalkantor der Evangelischen Kirche, Gordon Safari, ein besonderes Zeichen gesetzt.
Nur rund zehn Tage brauchte er mit seinen Mitstreitern, dem Regisseur Konstantin Paul, dem Digitalfachmann Michael Hofer-Lenz und vier jungen, hoch motivierten Vokalsolisten, um eine gut zwanzigminütige Kammeroper zu entwickeln, zu komponieren und als genuines Online-Werk zu realisieren, die das Thema der Stunde zu einem bemerkenswert intensiven Kunststück verdichtet: Isolation. Der Ruf aus der Einsamkeit der im «Homeoffice» Abgesonderten meidet alle Larmoyanz, macht in klaren Schnitten vielmehr deutlich, was Vereinsamung äußerlich, vor allem aber innerlich auslösen kann: von Depression bis zur Sehnsucht nach «Normalität», von Angst, Gewalt, Verlassenheit, Verzweiflung bis zu Hoffnungsschimmern. Safaris Musik bettet das Screening geschickt ein in eine elektronisch, ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Magazin, Seite 56
von Karl Harb
Aus Erfahrung, heißt es, wird man klug. Die Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland besaßen diese in reichlichem Maße; auch wussten sie um die Gefahren, die einem politischen System drohen, welches die Freiheit nicht als ein besonders schützenswertes Gut betrachtet. Als es nach Ende des Zweiten Weltkriegs darum ging, eine würdige Verfassung zu schreiben, floss...
Verdis neunter, 1846 in Venedig uraufgeführter Oper «Attila» begegnet man selten auf der Bühne. Peter Konwitschny hat sie 2013 in Wien als schrilles Kasperletheater, Dietrich Hilsdorf 2017 in Bonn als blutrünstige Groteske bebildert. Beides trifft das kolossal dimensionierte Schauerdrama um die Ermordung Attilas, das Verdi hier im Stil eines...
Nein, gesungen wird nicht an diesem Vormittag. Nur das Plätschern von Wasser ist zu hören. In einem weißen Kubus kniet Bariton David Pichlmaier vor einer Zinkwanne, reibt sich akribisch mit Lehmseife ein, spült sich dann ab. Eine Kamera fängt den Vorgang ein, hautnah, aus unterschiedlicher Perspektive. Wie später auch jene Szene, in der die Sopranistin Katrin...
