Einfach atmen
Draußen zwitschern die Vögel, drinnen ertastet einsam ein Klang das Terrain. Schwebt samten umher, umgarnt das Ohr, verdichtet sich zu märchenhaft-mystischem Gebilde, nimmt zarte, aber konsistente Gestalt an: magischer Lichtstrahl aus einzelnen Tönen, transzendiert zu luftigem Idyll. Hört man das Lied «Sunrise» von Charles Ives bei geöffnetem Fenster, dann wird die ungeheure Aura der Natur sogar in den eigenen vier Wänden spürbar. Die Welt erscheint als ungefähr, vage, schemenhaft, nur noch dieser milde, fragile, zauberische Klang füllt den Raum.
Und imaginiert mit sparsamsten Mitteln jenes «Licht tief unten im Osten«, das anmutet «wie ein Gedanke, ein vergessener, der wiederkehrt». Ein extrem intensives Stimmungsbild ist dieses Lied; in seiner feinnervig-fragmentarischen Klanglichkeit gemahnt es an Weberns wunderbare Gespinste, aber auch an Debussy oder den frühen Schönberg der «Verklärten Nacht». Und doch ist «Sunrise» unverwechselbar eine Schöpfung von Ives, darin die Einflüsse von Ralph Waldo Emersons Transzendentalismus und Henry Thoreaus smarter Naturphilosophie deutlich hervortreten.
114 Lieder schrieb Ives. Doch kaum eines davon wurde je bekannt – einfach deswegen, weil ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: CD des Monats, Seite 31
von Jürgen Otten
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