Einfach atmen
Draußen zwitschern die Vögel, drinnen ertastet einsam ein Klang das Terrain. Schwebt samten umher, umgarnt das Ohr, verdichtet sich zu märchenhaft-mystischem Gebilde, nimmt zarte, aber konsistente Gestalt an: magischer Lichtstrahl aus einzelnen Tönen, transzendiert zu luftigem Idyll. Hört man das Lied «Sunrise» von Charles Ives bei geöffnetem Fenster, dann wird die ungeheure Aura der Natur sogar in den eigenen vier Wänden spürbar. Die Welt erscheint als ungefähr, vage, schemenhaft, nur noch dieser milde, fragile, zauberische Klang füllt den Raum.
Und imaginiert mit sparsamsten Mitteln jenes «Licht tief unten im Osten«, das anmutet «wie ein Gedanke, ein vergessener, der wiederkehrt». Ein extrem intensives Stimmungsbild ist dieses Lied; in seiner feinnervig-fragmentarischen Klanglichkeit gemahnt es an Weberns wunderbare Gespinste, aber auch an Debussy oder den frühen Schönberg der «Verklärten Nacht». Und doch ist «Sunrise» unverwechselbar eine Schöpfung von Ives, darin die Einflüsse von Ralph Waldo Emersons Transzendentalismus und Henry Thoreaus smarter Naturphilosophie deutlich hervortreten.
114 Lieder schrieb Ives. Doch kaum eines davon wurde je bekannt – einfach deswegen, weil ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2020
Rubrik: CD des Monats, Seite 31
von Jürgen Otten
Als Julius Cyriax 1855 eine Aufführung von Wagners «Tannhäuser» sah, war’s um ihn geschehen: Mit Inbrunst verehrte der gerade 15-jährige Kaufmannssohn aus Gotha den Meister. Und dabei blieb es, sein Leben lang. Zu gern wäre er selbst Musiker geworden! Doch sein Vater wollte den Jungen in den eigenen Fußstapfen sehen. Also lernte der das Geschäft, ging 1858 erst...
«Keinen hat es noch gereut, / Der das Ross bestiegen, / Um in frischer Jugendzeit / Durch die Welt zu fliegen.» Forsch und keck, mit Brahms und Tieck und wohl auch autobiografisch geht es los auf der neuen Lieder-CD des 33-jährigen Rafael Fingerlos. Aus dem südlichsten Zipfel des Salzburger Landes, dem Bezirksort Tamsweg, hat er sich mittlerweile seinen Weg...
Die Bedrohung – sie ist an diesem Abend für den Zuschauer, wenn er beim Abdunkeln des Saals seine Maske abnehmen darf, allgegenwärtig. Etwas bricht aus, verdunkelt das ganze Leben und lässt anfangs keinen Raum für Hoffnung. Corona? Nein, es ist ein Vulkan, ähnlich dem des Jahres 1815 – Tambora. Er bescherte Europa seinerzeit einen Sommer ohne Sonne: ein...
