Querdenker
Wir befinden uns in einem Hörsaal der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg, in den 1990er-Jahren. Der Professor, auf dessen Lehrplan Kant und Machiavelli stehen sollten, doziert darüber, wie sich der Mythos mit seinem Drang der wiederholenden Erzählung kollektiver Erfahrungen und die lineare Geschichtsschreibung unterscheiden. Er erklärt Richard Wagners Übersetzung des Mythos im Musikdrama und schwärmt in Parenthesen schon mal von legendären Sängerdarstellern des Hans Sachs.
Spätestens jetzt steigt der offizielle Teil seiner Studierenden aus – und der andere spitzt die Ohren. Denn in den Saal hat sich auch eine Schar von angehenden Musikwissenschaftlern geschlichen, die einem Geheimtipp gefolgt ist. Da gebe es einen Professor weit außerhalb des eigenen Fachs, der habe zu Wagner Erhellenderes zu sagen als die Fachleute der Musikologie. Udo Bermbachs seitdem erschienene Bücher machten ihn zu einem der gefragtesten Wagner-Experten, der mit uneitler Verve sein Bild vom anarchistischen, dem Geist der Revolution stets treu gebliebenen Komponisten vertritt. Er stand Jürgen Flimm bei der Bayreuther Inszenierung der «Ring»-Tetralogie zur Seite, hat sich neben der distanzierten ...
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Opernwelt August 2020
Rubrik: Focus Spezial Bayreuth, Seite 15
von Peter Krause
Am 1. März, bei der «Winterreise»-Premiere im Stuttgarter Opernhaus, winkte Helmut Nanz fröhlich über die Parkettreihen hinweg Freunden und Bekannten zu. Am Vormittag des 11. März verkündeten die Staatstheater Stuttgart die vorübergehende Einstellung des Spielbetriebs. Am 15. April erlag Nanz im Alter von 76 Jahren der Covid-19-Krankheit. In der Stuttgarter...
Eigentlich ist, spätestens mit diesem Jahr, dem 250. Geburtstag des Genies, alles gesagt, gedacht, geschrieben, geklärt. Die Causa Beethoven im Grunde abgeschlossen. Mehrere Regalkilometer füllt die Literatur über den Prometheus der Tonkunst, dessen einziges Manko es war, dass er keine gescheite Oper zu komponieren vermochte, weil seine eigene Musik zu absolut und...
Masken, überall Masken. Die netten Platzanweiser tragen sie, während sie die gerade einmal 50 Zuschauer in das Münchner Nationaltheater geleiten. Auch das Publikum muss den Mund-Nase-Schutz aufbehalten. Und dann beginnt die Vorstellung damit, dass Holger Falk als verrückter englischer König von stummen Ärzten in Kitteln hereingeführt wird, die in gleicher Weise...
